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Eiskalte Liebe

Henni L.Borßdorff

Nun ja – es gibt diese seltsamen Geschichten, von denen man ein ganzes Leben lang zehrt. Ich zum Beispiel war immer auf der Suche nach meinem Zwillingsbruder. Mit 10 Jahren war er plötzlich weg. Richtig weg – nicht nur mal eben abgehauen. Die Südkugel hatte ich irgendwann abgearbeitet, habe meinen verträumten Bruder in Marakesch, Kairo und an allen Spots gesucht, wo es Märchen- und Geschichtenerzähler gibt. Dann habe ich mir den Norden vorgenommen. Ziemlich bald bin ich in Rovaniemi-Weihnachtsstadt gelandet, wo es alles gibt, was man in der kalten Jahreszeit unter heimelig bucht. Über die Auslagen einer Papeterie gebeugt, habe ich mich in ein Winterdorf verguckt, was man aufwendig aus Karton ausschneiden und zusammenbasteln muss. „Und stellt euch vor: Der nette Verkäufer hat es mir geschenkt. Einfach so!“
„Und weiter?“, drängte Lu, mein Patenkind.
„Am zweiten Dezember war mein Rückflug nach Berlin und am dritten habe ich den ganzen Tag gebastelt. Übrigens bis spät in die Nacht. Prost.“ Ich hob das Glas mit dem Glühpunsch und wir stießen alle zusammen an. „Der Mann, der mir das Dorf geschenkt hatte, meinte, ich solle mich beeilen. Es wäre etwas Besonderes. Und dann hat er merkwürdig gelacht.“
„Und wie hast du herausgefunden, dass es besonders war?“, wollte Lu wissen.
„Ich habe um Mitternacht Geflüster gehört und dachte sofort an …“ Kurze Pause. „Dachte zuerst, ich hätte zu viel getrunken.“
Allgemeines Gelächter am Tisch.
„Mir wurde aber schnell klar, dass es aus meinem niedlichen Papierdörfchen kam.“
„So schnell hast du das geschnallt?“ Die Frage konnte sich Lu natürlich nicht verkneifen, denn sie erlebte ja gerade dasselbe wie ich vor einem Jahr, tauchte für eine Stunde jede Nacht um null Uhr in das geheime Winterdorf ab, wo wir gerade jetzt in der heimeligsten Kneipe zusammensaßen.
„War mein heller Tag. Ach nein! Meine helle Nacht“, erklärte ich.
„Yeah!“, machte ein Mann an unserem Tisch.
„Und dann bist du ganz nah an dein Dorf heran, der Magnetismus setzte sich in Gang und du bist in genau dem Haus der abgefahrenen Winterwelt gelandet, über das du dich gebeugt hast. Richtig?“, zählte mein kluges Patenkind eins und eins zusammen.
„Genau! Und weil es ja Nacht war und ich zu der Spezies der Nacktschläfer gehöre …“
Allgemeines Gekicher.
„… stand ich genau in diesem Zustand im Treppenhaus der Nummer neun.“
Der Tisch tobte vor Lachen.
„Darauf sollten wir gleich noch mal anstoßen“, meinte der Mann mit dem „Yeah“, ein ultrabreites Grinsen quer durchs Gesicht.
Als hätten wir uns abgesprochen, trank jeder sein Glas leer.
„Frierend bin ich durch das Haus geschlichen“, gestand ich.
„Oh nein!“, stöhnte Kai, Lus Winterjunge und große Liebe, und konnte sich vor Lachen kaum gerade halten.
 „Nach einigem Umherirren bin ich über eine Schwelle im Boden gestolpert. Ein Mann, den ich vorher nicht bemerkt hatte, hat mich aufgeschnappt. So, wie ich war.“
„Wie auch sonst?“, wieherte der Mann mit dem Yeah.
„Es war übrigens der Bastelbogenverkäufer.“
Plötzlich konnte ich nicht weiter erzählen. Es ging einfach nicht.
„Du hast dich in ihn verliebt“, stellte meine kluge Nichte leise fest.
„Ja, Lu!“
Eine Pause entstand.
„Was war, als der Mann dich auffing?“, kurbelte Kai das Gespräch wieder an.
„Er sagte, dass zwar noch nicht Weihnachten sei, dass er aber schon vorher Geschenke annähme. Auf jeden Fall solche wie jetzt.“
„Hab ich vollstes Verständnis für“, sagte der Mann mit dem Yeah.
Außer mir lachten sich alle schlapp.
„Und dann?“ Lu konnte von dieser verrückten Geschichte nicht genug bekommen.
„Dann hat er gefragt, warum ich keine Schleife um den Bauch hätte, wo ich mich doch so großzügig verschenken würde.“
Logisch, dass sie sich ausmalten, was der Mann mit seinem verfrühten Weihnachtsgeschenk angefangen hatte. Und sie hatten ja Recht. Statt meinem verschollenen Bruder war ich meiner großen Liebe begegnet …
„Wo ist er jetzt?“, fragte Kai unvermittelt.
„Wenn ich das nur wüsste“, sagte ich traurig. „Wir hatten eine wunderschöne Zeit im letzten Jahr. Er hielt sich in diesem Dorf auf, um jemanden zu besuchen. Daher wohnte er nur vorübergehend in dem Haus, in dem ich ihn kennengelernt hatte.“ Ich wandte mich an Lu. „So wie du jetzt war ich jede Nacht hier.“
„Da kommt keiner von weg“, stellte der Mann fest, der uns frische Getränke auftischte.
„Manchmal bin ich auch den Tag dazwischen geblieben – am Wochenende auch mehrere Tage“, reihte ich die Fakten aneinander. „Aber nach dem sechsten Januar kam ich nicht mehr hin zu meinem Dorf.“
„Wieso denn nicht?“ Lu erschrak, was ich verstehen konnte. Ihr würde es genauso gehen wie mir.
„Die Anziehung funktionierte in der darauf folgenden Nacht nicht mehr.“
„Nicht?“, rief Lu atemlos.
„Nein. Es war vorbei.“
„Nach Heilige Drei Könige wird alles, was mit Weihnachten zu tun hat, weggeräumt“, betete Kai leise die Worte herunter, die ich inzwischen kannte.
„Ja, so ist es nun mal. Und nun ist ein Jahr herum, die Anziehung funktioniert wieder, ich kann herkommen, aber Torge bleibt verschwunden.“ Verflixt – da hatte doch eine Träne ihren Weg gefunden. „Wie mein Bruder“, schluchzte ich.
Lu legte den Arm um mich und drückte mich feste.
„Man muss es publik machen. Einen anderen Weg gibt es nicht“, sagte der Wirt, der unbemerkt von uns schon eine ganze Weile mit am Tisch stand und nun zurück zum Ausschank ging. Dort machte er einen unübersehbaren Aushang über dem Tresen.
„Andrea an Torge: Liebe ist kosmisch.“ Und darunter folgte eine genaue Beschreibung des Gesuchten.
Lu, Kai und ich brachen auf, um die Stadt zu besichtigen. Auf dem Marktplatz standen jede Menge Buden, die Spielzeug und Leckereien anboten. Es gab auch Lebkuchenherzen – und plötzlich hatte Lu eine Idee. „Wie wäre es, wenn man die Herzen mit einem Spruch beschriftet?“
„Du meinst, dass eine Frau nach einem Torge sucht?“, fragte Kai.
Wir schilderten dem Lebkuchenmann unser Anliegen.
„Das ist in der Tat ein Problem“, sagte er. „Liebenden muss man helfen“, sagte er auch noch.
Und dann entstand eine längere Pause, in der wir zu Viert fieberhaft überlegten.
„Wir schreiben, wie es ist“, meinte der Lebkuchenmann. „Das Direkte ist immer am besten. Wir schreiben also mit Zuckerguss: Andrea sucht Torge. Das Lebkuchenherz drückt aus, warum sie ihn sucht.“
Puderzucker und Zitronensaft wurden angerührt und in eine Bäckertüte mit feiner Tülle geschüttet. Jetzt musste man schnell und genau schreiben, denn der Zuckerguss wurde im Nu hart. Eine Korrektur war unmöglich. Ich platzierte die Wörter untereinander, schrieb die Namen etwas größer. Kai schrieb den Namen Torge besonders dick, damit er jedem direkt ins Auge fiel. Außerdem wollte der Lebkuchenmann jedem, der ein solches Lebkuchenherz haben wollte, einen Hinweis darauf geben, wie ungeheuer wichtig die Angelegenheit sei. Und dass man die Augen und Ohren nach Torge offen halten solle.
Die Lebkuchenherzen sahen alle ein bisschen unterschiedlich aus. Das machte sie individuell, wie ich fand.
Ob ich Torge gefunden habe?
Nein.
Dennoch ist das Konzept aufgegangen.
Torge hat mich gefunden. Eines Tages.
Aber das ist die Geschichte von Lu Kranich, meiner klugen Nichte, deren Patentante ich bin.

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