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Clockwork Cologne

In den Fortsetzungsreihen werden Verschwörungen aufgedeckt, mysteriöse Fälle gelöst, neblige Spuren verfolgt. Die Protagonisten kämpfen mit der Strahlenbelastung, dem ganz alltäglichen Wahnsinn und nicht selten mit ihren eigenen Dämonen.

 

 

 

 

 

Verfluchtes Cöln


Ungeheuer von Stadt, das dich mit Haut und Knochen auffrisst, wenn du nicht achtgibst. Du musst wachsam bleiben, du musst strampeln und dich anstrengen, um oben auf all dem Dreck zu schwimmen. Du willst nicht zu den unzähligen Gestrandeten und Verlorenen gehören, die sich in der Dunkelheit verbergen und für Geld, etwas zu essen, eine Pfeife Opium, eine Flasche Selbstgebrannten ihre Kinder verkaufen oder einen Fremden ermorden.

Du gehörst zu denen im Licht, auch wenn das Licht düster und schmutzig ist und an den Rändern infrablau glüht. Deine Brust schmerzt. Du weißt, dass deine Lebensuhr schneller tickt als es für dich gut ist. Wie lange noch? Die Krankheit schreitet fort. Du brauchst das, was es nur hier in Hülle und Fülle gibt: Ambrosia. Engelsblau. Das gesegnete, verfluchte Zeug, das den Husten nicht heilt, aber wenigstens erträglich macht. Und du willst keiner von denen sein, die darum betteln, ihre letzten Kröten für das Engelsblau einem gierigen Händler in den Rachen werfen zu dürfen.

Du bist der Wolf, nicht das Lamm.


Vierzig Jahre sind nicht einmal ein halbes Menschenleben und doch kann sich in nur vierzig Jahren die ganze Welt auf den Kopf drehen. Ein wenig Rost, ein Zahnrad, das aus der Führung springt. Eine Schraube, die sich lockert. Ein Herz, das zu schlagen beginnt, während ein anderes für immer schweigt. Zu viele Herzen schwiegen nach dem großen Gau. Zu wenige erhoben ihre Stimme. Niemand kann ermessen, wo es uns hätte hinführen können, wenn die Magitroniker gewissenhafter gearbeitet hätten. Wenn die Dampfmagische Gesellschaft ihren Fokus auf das Wesentliche gerichtet hätte, anstatt geblendet von möglichem Ruhm, gierig nach Macht und Neuerungen, die nicht ausgereift waren, die Realität zu vergessen. Die Quantenmagie steckte noch in den Kinderschuhen, sie hätte erst einmal laufen lernen müssen, bevor sie Æther in die Hülle ihres Luftschiffes blies und das Gefährt von einem blinden Steuermann gegen den nächsten Berg fahren ließ.

Nun sind wir klüger, allesamt, aber nicht einen Deut schlauer. Immer noch greifen Zahnräder ineinander, die zu unterschiedlichen Geräten gehören, aber niemanden scheint das zu interessieren. Die Dampfmagische Gesellschaft hat die Gesetze zum Magiegebrauch verschärft, hat Bauernopfer zum Schafott geführt. Wenn sie wüssten, was direkt unter unseren Füßen geschieht, unter den Pflastersteinen unserer Gassen, sie würden sich das überhebliche Grinsen aus den Gesichtern wischen wie angetrocknete Zuckerwatte.

Unterwelt.


Lebensraum für diejenigen, die auf der Oberfläche nicht erwünscht sind. Ausgestoßene der Gesellschaft. Kranke, stinkende, geniale, bizarre Unterwelt. Die Welt hat sich weiter gedreht. Die Menschen haben sich mit der Situation arrangiert. Die Straßen Cölns sind voll von Leben, doch ihr Herz schlägt tief unter den Mauern der Backsteinhäuser. Heiß und dröhnend pumpt es Öl, statt Blut durch die Adern der Stadt. Gierig und trostlos und zuverlässig wie ein Uhrwerk.

Die Hauptfiguren


Guy Lacroix

Kommissär im Dienste des Kaiserlichen Kriminalamtes Aufgewachsen in einem der übelsten Viertel Cölns, lernt er schon früh seine Fäuste zu gebrauchen.
Guy Lacroix: Ein hoffnungsloser Fall?
Nur die Starken überleben, wo man sich den Schlafplatz mit Ratten teilt, wo eine warme Mahlzeit Luxus, Freundschaft unbezahlbar ist. Er wäre einer der hoffnungslosen Fälle gewesen, ein Junge, dessen Weg vorbestimmt und unabwendbar ist – ein Weg, der ihn vom kleinen Gauner, zum Verbrecher geführt hätte, vielleicht sogar zum Mörder, und der auf dem Schafott geendet hätte oder in einer nach Unrat stinkenden, dunklen Gasse, mit einem Messer im Rücken. Aber Guy wird aufgegriffen, bevor er seine Seele an den blauen Teufel verkauft, bevor der letzte Hoffnungsfunken erloschen, das Gute in ihm verdorrt ist. Er wird in ein Erziehungscamp der Dampfmagischen Gesellschaft gesteckt. Und auch dort wäre ihm kein besserer Weg vergönnt gewesen, wenn nicht ein Aufseher, unter all der Wut, dem Hass und der Gewalt, in die sich der Junge geflüchtet hat, den wahren Guy erkannt hätte: Einen klugen Jungen, den die Umstände zu dem gemacht haben, was er ist, der mit allen Mitteln ums blanke Überleben kämpft. Einen Jungen, der trotz aller Brutalität einen tiefverankerten Gerechtigkeitssinn hat. Der Aufseher lehrt Guy seine Wut zu bändigen, Probleme nicht mit den Fäusten zu lösen, er lehrt ihn lesen und schreiben und was es bedeutet, Teil der Gesellschaft zu sein. Und Guy lernt schnell, denn eines will er auf keinen Fall: Zurück in das stinkende Elend, in dem er aufgewachsen ist. Er macht seinen Schulabschluss und bewirbt sich bei der Polizei, besteht die Aufnahmeprüfung und stellt all seine Kraft in den Dienst des Gesetzes.

Lord Magnus
Algernon Francis Bartholomew Seymour

jüngster Sohn des Herzogs von Somerset und Kalifornien. Lord Magnus ist ein Globetrotter und zwielichtiger Geselle, der sein Geld mit Kartenspiel und Betrügereien verdient – aber immer mit Stil!
Magnus: Blaublütig oder blausüchtig?
Nach mehreren Jahren im Nahen Osten, wo er in höchst geheimer Mission unterwegs gewesen ist, kehrt er blausüchtig und abgebrannt nach Cöln zurück. Auf der Suche nach einer alten Freundin, die ihm den Tod wünscht, deren Hilfe er aber dringend benötigt, findet er neue Feinde, unvermutete Verbündete und verliert beinahe sein Leben.

Boris

Boris ist ein alternder Soldat, der keine Erinnerungen an eine Zeit vor dem seit 45 Jahren andauernden Krimkrieg besitzt. Im Alter von 6 Jahren zog er zum ersten Mal eine Uniform an und legte sie nie wieder ab.
Boris: Glücksfresser und Blauer Krieger?
Kämpfen, Gehorchen und Hungern sind die einzigen Daseinszustände, die er kennt. Für ihn sind sie so natürlich wie der frühe Tod in der Schlacht … oder fast so natürlich. Denn Boris überlebt, während kaum einer seiner Kameraden das dritte Dienstjahr erreicht. So viel Glück macht unbeliebt. Bald nennt man ihn "Glücksfresser", weil man glaubt, er sauge anderen das Glück aus. Als er 48 Jahre alt ist, wählt man ihn zusammen mit hundert anderen aus, um einem Experiment als Testobjekt zur Verfügung zu stehen. Heimlich ins Land geschleuste Quantenmagier haben den Auftrag, eine unbesiegbare Armee aus "Blauen Kriegern" zu erschaffen – Soldaten, die halb Mensch und halb Maschine sind. Der Großteil der Versuchspersonen stirbt an den Folgen der Operationen, in denen ein Teil der Knochen durch Metallkonstruktionen ausgetauscht werden; der Rest, nachdem ihr Nervensystem mit der rätselhaften blauen Kartusche verbunden wird, die die Mechanik mit Energie versorgen soll. Doch auch diesmal überlebt Boris – als einziger. Von dem Erfolg beflügelt, amputieren die Quantenmagier seinen rechten Arm und tauschen ihn durch einen künstlichen aus. An dem Tag, an dem das Ergebnis der Heeresführung präsentiert werden soll, offenbart sich durch Zufall der gravierende Fehler der Konstruktion: In der Strenge der russischen Winter friert das Metall fest und verdammt den Blauen Krieger zur Bewegungslosigkeit. Man gibt das Projekt auf und schickt Boris zurück zu seiner Kompanie. Boris mag die Veränderungen nicht, die man an ihm vorgenommen hat, aber er käme nie auf die Idee, sich zu beklagen. Er war nie etwas anderes als Soldat, seine Existenz gehört dem Zaren, und Boris ist der Treueste seiner Untertanen. Müsste er das Dasein in einem Satz zusammenfassen, würde dieser lauten: „Lang lebe der Zar!“

Olga

Olga behauptet steif und fest 12 Jahre alt zu sein. Sie kam als Tochter rechtloser Leibeigener auf die Welt und Hungern gehört genauso zum Alltag, wie brutale Übergriffe durch die Armee.
Olga: Nur ein Straßenkind von vielen?

Aufgrund dieser Erfahrungen gelangt sie zu der Erkenntnis, der Diebesstand sei der einzig ehrbare Beruf, denn Diebe nehmen nur das, was sie zum Leben brauchen und bringen dabei niemanden um. In ihrem Dorf teilt man diese Ansicht nicht, und da auch ihre rebellischen Ideen auf keine Gegenliebe stoßen, jagt man sie fort.

Für kurze Zeit findet sie Unterschlupf bei einer jenen kleinen, revolutionären Zellen, die sich überall im kriegsgebeutelten Land bilden. Diese fordern Rechte für Arbeiter und Bauern, die Abschaffung der Leibeigenschaft und sogar etwas, was sie „Wahlen“ nennen. Auch, wenn Olga nicht alles von dem begreift, wofür sich ihre neuen Freunde einsetzen, so begeistert sie sich schnell für deren Ziele. Leider geht das nicht lange gut. Eines Tages sieht sie mit an, wie ihre Freunde von Soldaten umgebracht werden. Erneut heimatlos schlägt sie sich wieder als Diebin durchs Leben. Geblieben ist ihr nur der Kampfruf, der die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ausdrückt: „Tod dem Zaren!“


Nathalia

Besitzerin des Salons
Geboren im Russischen Zarenreich, schlägt sie sich als 12-jährige bis nach Cöln durch.

Nathalia: Herkunft unbekannt?

Sie landet, nach einigen Monaten auf der Straße, im Waisenhaus, wo die Kinder in der hauseigenen Gerberei arbeiten müssen. Durch eine Unachtsamkeit verätzt sie sich bei der Arbeit die rechte Hand, die seitdem vernarbt ist. Deswegen trägt sie meist einen Handschuh.

Kurz nach ihrem 14. Geburtstag stellt die Heimleiterin sie vor eine Wahl: Sie kann in der Gerberei arbeiten, bis sie an den giftigen Gerbstoffen verreckt, oder sie kann reichen Aristokraten und Kirchenmännern zu Diensten sein. Natalja willigt ein. Sie bemüht sich um Kontakte mit einflussreichen Personen, was ihr nicht schwer fällt. Sie ist gut in ihrem Job und begehrt bei den Kunden, die sie sich bald schon aussuchen kann.

Als sie das Waisenhaus mit 16 Jahren verlässt, eröffnet sie den Salon, der schon bald zu einem exklusiven Treffpunkt der Cölner Oberschicht wird.

Nur bruchstückhaft und undeutlich erinnert sie sich an ihre Kindheit im Zarenreich. Und immer wieder quälen sie Visionen, in denen sie jemanden umbringt: Sie blickt auf ihre Hände, die sich von hinten um den Hals einer Frau legen und zudrücken. Als die Frau zu Boden sinkt, streicht sie ihr die Haare aus der Stirn und sieht in ihr Gesicht. Es ist Nataljas Gesicht.

Sie hat ein Faible für Schusswaffen, sammelt sie und trägt immer mindesten eine am Körper.

 


Cölner Geschichten


Strychninmorde

Kommissär Lacroix stand am Fenster seines Büros und starrte auf den Hof hinunter. Es war ein besonders düsterer Tag, man konnte kaum 50 Meter weit sehen. Tiefdruck. Die Dampfmagische Gesellschaft hatte schon die zweite Ausgangssperre in dieser Woche verhängt.
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Der Dampf der Kraftwerke hing über der Stadt und machte das Atmen ohne Rußmaske unmöglich. Aber selbst mit Atemschutz würde es eine Qual sein, sich länger als eine halbe Stunde nach draußen zu begeben. Die Filter würden sich zusetzen. Er schlug mit der flachen Hand auf die Fensterbank. „Verdammt!“ Er wandte sich seinem Assistenten zu. „Dieser Fall treibt mich noch in den Wahnsinn und das Wetter tut das Übrige dazu.“ Fuchs nickte resigniert. „Meine Informanten können uns nicht helfen. Der Täter scheint in den Kreisen ein unbeschriebenes Blatt zu sein.“ Guy Lacroix schüttelte den Kopf. „Verbrecher tauchen normalerweise nicht aus dem Nichts auf, sie blicken meist auf eine lange Karriere zurück. Arbeiten sich über kleine Taschendiebstähle hoch zu Gewaltverbrechen, lernen dazu, werden gieriger, und dehnen ihre Arbeitsbereiche langsam aus.“ Er blätterte zum wiederholten Mal die Akten auf seinem Schreibtisch durch und schüttelte den Kopf. „Er scheint sich seine Opfer wahllos herauszugreifen. Aber mein Gefühl sagt mir, dass wir irgendetwas übersehen haben. Da muss doch ein Muster zu erkennen sein.“ Er begann seine Pfeife zu stopfen, paffte einige Kringel in die Luft und seufzte. „Nun denn. Wir fangen noch einmal von vorne an. Was wissen wir über das erste Opfer?“ Fuchs setzte sich auf einen der Besucherstühle und suchte sich die entsprechende Akte heraus. „Friedhelm Hofberger, Vizedirektor der Cölner Capitalbank. Ermordet in seinem Arbeitszimmer. In seinem Cognac fand man Spuren von Strychnin, die Todesursache war aber ein Kopfschuss.“ Guy trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch. „Das Strychnin hat ihn bewegungsunfähig gemacht, so konnte der Täter die Kombination des Safes aus ihm herauspressen, bevor er ihn erschossen hat. Das zweite Opfer?“ Fuchs blätterte in der Akte. „Noyan Erdem, osmanischer Seidenhändler, der den Hauptsitz seiner Firma erst vor etwa einem Jahr nach Cöln verlegt hat. Strychnin im Tee, Kopfschuss. Der Safe in seinem Büro stand offen.“ „Als nächstes Johan Veenstra“, fuhr Guy fort. „Dieser aufgeblasene Automobilteile-Hersteller. Er hat ein Vermögen gemacht mit diesen stinkenden Karossen. Und der vorerst letzte: Heinrich Hintz.“ „Richtig. Hintz war der Inhaber zweier gutbesuchter Hurenhäuser und hat sein schmutziges Geld durch Immobiliengeschäfte reingewaschen.“ Fuchs schlug die Akte zu und kaute auf seinem Bleistift. „Die Opfer kannten sich offenbar nicht. Sie frequentierten nicht die selben Clubs, sie aßen nicht in den selben Restaurants, sie ließen ihre Anzüge nicht beim selben Schneider anfertigen. Sie hatten überhaupt keine Gemeinsamkeiten, verflixt!“ Guy legte seine Pfeife in den Aschenbecher. „Bis auf eine“, sagte er. „Sie hatten alle Geld in der CCB deponiert.“ „Nun ja, Herr Kommissär, die Cölner Capitalbank ist das einzige seriöse Geldinstitut der Stadt. Ich glaube nicht, dass uns das weiterhilft.“ Guy brachte seinen Assistenten mit einer Geste zum Schweigen und drehte die Pfeife gedankenverloren in der Hand. „Es ist aber der einzige Schnittpunkt. Wo könnte man leichter an die Namen gutbetuchter Bürger gelangen als in den Unterlagen der Bank? Und das erste Opfer hatte Zugang zu diesen Unterlagen … Wer erbt Hofbergers Vermögen?“ „Sein Sohn, nehme ich an.“ Fuchs blätterte. „Ja, Ernst Hofberger. Und zwar das gesamte Vermögen. Die Tochter … Moment. Ah, Emmi Hofberger … Das ist ungewöhnlich. Sie bekommt nicht einmal eine Apanage. Sie geht vollkommen leer aus. Das sind die Informationen des Familienanwalts, die Tochter wurde nicht befragt.“ „Emmi“, sagte Guy. „Sie hat doch die Leiche gefunden, wenn ich mich recht erinnere. Warum wurde sie nicht verhört?“ „Sie leidet unter Schwermut und befindet sich deswegen in Behandlung, nach dem Fund der Leiche erlitt sie einen Nervenzusammenbruch und war nicht vernehmungsfähig. Ihr Arzt … Dr. Glaser hat sie in die Klinik überstellen lassen und jeglichen Kontakt untersagt.“ „Fuchs, wir sind Idioten.“ Guy schlug mit der Faust auf den Tisch. „Wir wurden vorgeführt wie blutige Anfänger. Kommen Sie, wir müssen einen Fall abschließen.“ „Der Arzt. Natürlich!“ Fuchs schlug sich an die Stirn. Guy hatte schon seinen Mantel übergeworfen und die Schutzbrille angelegt. „Bis zur Klinik sind es nur 20 Minuten mit dem Wagen, das sollte zu schaffen sein.“ Er überprüfte die Atemmasken, warf eine davon seinem Assistenten zu und setzte seinen Hut auf. „Gehen wir.“ Die städtische Nervenklinik lag auf einem Hügel, rußgeschwängerter Nebel hüllte das obere Stockwerk vollkommen ein. Fuchs hustete, als sie aus dem Wagen stiegen. Höchste Zeit! Die Filter hatten sich bereits zugesetzt, und sie würden keine fünf Minuten mehr atmen können. Die beiden Polizisten betraten die Klinik, rissen die Masken herunter, sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, und atmeten tief durch. „Sehen Sie, Fuchs, kein Problem“, keuchte Guy. Er klopfte seinem Assistenten auf den Rücken, der sich vorbeugte und auf die Knie stützte und immer noch hustete. Guy sah sich um. Der Empfangsbereich war mit Teppichboden ausgelegt, kleine Sitzgruppen standen zwischen hohen Topfpflanzen, aber natürlich waren keine Besucher anwesend. Wer die Ausgangssperren missachtete, musste mit empfindlichen Strafen rechnen. Die Aufnahme war nicht besetzt. Guy betätigte die Klingel, die auf dem Tresen stand, und wartete, bis eine korpulente Schwester aus dem Hinterzimmer trat. Sie steckte sich die weiße Haube mit Haarnadeln fest und strich sich über die Schwesterntracht. Erst, als sie mit dem Ergebnis zufrieden zu sein schien, lächelte sie die Beamten an. „Entschuldigen Sie, meine Herren, ich habe nicht mit Besuchern gerechnet. Die Ausgangssperre, Sie verstehen. Was kann ich für Sie tun?“ Guy zog seine Dienstmarke hervor und stellte sich vor. „Ich hätte ein paar Fragen an einen Ihrer Ärzte. Dr. Glaser. Würden Sie ihn bitte rufen?“ Die Schwester zog die Augenbrauen nach oben, nahm aber wortlos die Hörmuschel des Telefonapparates ab, der an der Wand hinter ihr hing. Sie drehte die Kurbel, wartete einen Moment und sagte: „Dr. Glaser? Schwester Erika. Hier sind zwei Beamte des KKA, die gerne mit Ihnen reden würden … Gut, danke sehr.“ Sie hängte ein und wandte sich wieder Guy zu. „Bitte folgen Sie mir.“ Sie schloss eine Tür auf und führte die Beamten durch einen schmucklosen, weißen Gang. Der Fußboden glänzte und es roch schwach nach Karbol. „Sie haben Glück, Herr Kommissär“, sagte die Schwester. „Herr Dr. Glaser ist nur noch anwesend, weil die Ausgangssperre begann, als er gerade eine Elektroschocktherapie durchführte.“ Ihre Augen glänzten, als sie von dem Arzt sprach. Du würdest dich wundern, dachte Guy, nickte aber nur. Sie blieben vor einer Tür stehen und die Schwester klopfte an. Noch einmal lauter, als keine Reaktion von innen zu vernehmen war. Dann öffnete sie die Tür und lugte hinein. „Herr Doktor? Die beiden Beamten …“ Etwas schepperte im Inneren und Guy stieß die Frau zur Seite. Der Fensterflügel schlug gegen die Wand und Ruß drang ins Zimmer ein. „Tür zu!“, schrie er und setzte die Atemmaske auf. Dann sprang er aus dem Fenster. Eine Gestalt stolperte über den Rasen, war im Begriff, im schwarzen Nebel zu verschwinden. Guy nahm die Verfolgung auf. Das Atmen war eine Qual, seine Brust schmerzte. Er presste die Hand auf die schmerzende Stelle und zog im Laufen die Pistole. Schoss. Einmal, zweimal. Die Gestalt stürzte, kroch weiter. Der Schmerz in Guys Brust wurde unerträglich. Seine Lungen verlangten nach Sauerstoff, aber er zwang sich weiter, die Pistole auf den Kriechenden gerichtet. Dann stürzte er ebenfalls zu Boden. Sein Herz schlug unregelmäßig und schnell. Er riss sich die Maske vom Gesicht, pumpte verzweifelt die verpestete Luft in die Lungen. Dann wurde es schwarz um ihn herum. Als er die Augen öffnete, sah er in Fuchs‘ besorgtes Gesicht. „Haben wir ihn?“, fragte er und der Assistent nickte. Guy hob den Daumen. „Gut gemacht! Dann wäre der Fall also klar.“ Fuchs wiegte den Kopf hin und her. „Das ist er wohl, allerdings nicht ganz so, wie wir gedacht hatten.“ Er deutete hinter sich. Dort war eine junge Frau mit Handschellen an einen Stuhl gefesselt. Ihre Augen blitzten die Polizisten angriffslustig an. Sie trug Männerkleidung, das linke Bein war verbunden. Guy rappelte sich auf und schnalzte mit der Zunge. „Emmi Hofberger, nehme ich an?“ Fuchs nickte. „Dr. Glaser ist tot“, sagte er. „Er liegt in seinem Büro. Kopfschuss.“ Schwester Erika schluchzte auf, und Fuchs reichte ihr ein Taschentuch. Sie schnäuzte sich hinein. Ihre Schultern zuckten und sie gab unkontrollierte Kiekser von sich. Guy strich seine Weste glatt und faltete die Hände auf dem Rücken. „Da ist wohl etwas aus dem Ruder gelaufen. Nicht wahr, Fräulein Hofberger? Was ist passiert? Wollte Dr. Glaser aussteigen? Sie verraten?“ Sie lachte auf und zerrte an ihren Fesseln. Der Stuhl kippelte und Fuchs drückte sie herunter. Er ließ die Hände auf ihren Schultern liegen. „Beruhigen Sie sich und antworten Sie dem Herrn Kommissär“, sagte er. „Dieser Mistkerl“, sagte sie, und jetzt glänzten Tränen in ihren Augen. „Er wollte mich hier drin verrotten lassen und allein mit dem Geld flüchten.“ Sie lachte wieder auf und das Lachen klang wirklich verrückt. „Nun ja“, sagte Guy. „Ich denke, Sie sind dort, wo Sie hingehören. Und seien Sie froh darüber, das Gefängnis ist ein weitaus schlimmerer Ort.“ Er hustete sich den Ruß aus den Lungen und zündete seine Pfeife an. „Ihren eigenen Vater“, sagte er dann. „Wie konnten Sie so etwas nur tun?“ „Er wollte unsere Heirat verhindern. Er hat mich sogar enterbt! Karl war nicht standesgemäß, als einfacher Arzt – nicht reich genug.“ Wieder lachte sie das irre Lachen. „Aber das haben wir geändert.“ Guy schüttelte den Kopf. „Schwester?“, sagte er. „Schwester Erika? Wir sollten Fräulein Hofberger auf Ihr Zimmer bringen. Die Räume können verriegelt werden, nehme ich an?“ Die Schwester nickte und unterdrückte weitere Schluchzer. „Selbstverständlich“, antwortete sie. „Und die Fenster sind vergittert.“ „Gut. Dann lassen Sie uns das zu Ende bringen, Fuchs. Bestellen Sie den Arzt, er soll sich Dr. Glasers Leichnam ansehen. Und dann können wir den vermaledeiten Fall endlich abschließen. Sie haben mich hereingebracht, nehme ich an?“ „Mit Hilfe eines Pflegers, Herr Kommissär. Anschließend habe ich die Leiche des Arztes entdeckt.“ Guy schüttelte die Hand des Assistenten. „Gute Arbeit, Fuchs. Sehr gute Arbeit.“ Er zog seine Taschenuhr aus der Weste, klappte sie auf und lächelte. „Wir sehen uns morgen auf dem Revier. Meine Frau wird sich freuen, mich wieder einmal zu Gesicht zu bekommen.“

CC by-nc-nd Simone Keil

 

Das Telegramm

Leontij erkannte ein Straßenkind, wenn er eines vor sich hatte. Gut, sie waren überall und bei den meisten war es nicht schwer, sie als solche zu durchschauen. Sie streckten einem die dreckstarrende rechte Hand zum Betteln entgegen, um einem mit der anderen, nicht minder schmutzigen. die Taschen leer zu räumen.
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Entweder waren Straßenkinder rotzfrech, Verbrecher im Kleinformat oder sie sahen einen mit ihren großen Augen an, um einem ein schlechtes Gewissen zu machen. Für ein oder zwei hätte man ja noch eine milde Gabe übrig, aber für ein ganzes Dutzend? Für zwei Dutzend? Für hundert? Es waren einfach zu viele. Und wenn man einem Kind was gab, dann kamen die anderen auch – und das Schlimmste, man wurde sie nicht mehr los. Dann hatte man sie am Hals. Was ihn am meisten an den Straßenkindern ärgerte, war ihre Undankbarkeit und ihr Unverständnis dafür, dass jeder sein Päckchen zu tragen hatte. Er wusste, wovon er sprach. Er war zehn gewesen, als er seine Eltern verloren hatte. Nein, wenn er von seinem kargen Lohn etwas spendete, dann gab er es lieber den Kriegsversehrten. Von denen gab es auch zuhauf. Seit Kurzem trieb sich eines dieser Straßenkinder auf dem Gelände des Flugfeldes herum. Man konnte es nicht wie die anderen verjagen, denn dieses hatte es geschafft, sich an einen Luftschiffkapitän zu hängen. Allerdings schien der Kapitän auch nur für einen anderen auf das Straßenkind aufzupassen. Dieser andere wiederum hatte sich mit ziemlicher Sicherheit abgesetzt und den Kapitän mit dem Schlamassel alleingelassen. Wahrscheinlich käme Kapitän Erik bald dahinter und würde das Kind zum Teufel jagen. Leontij war wenig begeistert, als ihn die Klingel an den Tresen rief und er anstatt Kundschaft das Straßenkind vorfand. Vermutlich, um ihn anzuschnorren. Ein Wunder, dass es die Klingel nicht geklaut hatte. »Ja? Was gibt es?«, fragte er misstrauisch. »Ich möchte das als Telegramm wegschicken.« Das Mädchen schob ihm eine gefaltete Landkarte zu, auf die es einen Namen gekritzelt hatte. Na, der Kapitän würde sich bedanken. »Ist es sehr teuer? Kapitän Erik leiht mir sicher etwas Geld.« Erst bestiehlt die Kleine ihn und dann soll er ihr noch Geld leihen. Entweder war sie besonders naiv oder besonders ausgekocht. Vielleicht wollte sie ja ihn beschwatzen, damit er ihr ein paar Kopeken gab. Missgelaunt zog Leontij den Brief zu sich heran und faltete ihn auf. Er erwartete eine Bettelbotschaft, irgendetwas, um sein Mitleid zu erregen. Zu seinem Erstaunen war es dem Kind offensichtlich ernst damit, einen Brief zu telegrafieren. Nur – es hatte den Brief nicht geschrieben, sondern gemalt. Leontij verstand sogar den Inhalt: Auf der einen Seite des Ural waren das Straßenkind, der Kapitän und die Frau, die gestern aufgetaucht war. Auf der anderen Seite der Kerl, der sich abgesetzt hatte. Für einen Augenblick hatte Leontij Mitleid mit den kleinen Mädchen. Ja, Straßenkinder waren wie Ratten, gab es zu viele, wurden sie zur Plage, aber erst so einem Kind vorgaukeln, man gäbe ihm ein Zuhause und sich dann aus dem Staub machen, war auch nicht die feine Art. »Das kann ich nicht telegrafieren«, sagte er und gab den Brief zurück. Später sollte das Kind – Olga – noch einmal mit einem Telegramm zu ihm kommen. Sie wartete vor dem Tresen und er hatte keine Ahnung, wie lange sie bereits schon da stand. Automatisch wanderte sein Blick zur Klingel. Sie war noch da, nicht von kleinen, schmutzigen Fingern gestohlen. »Ja? Was gibt es?«, fragte er mürrisch. Olga trat von einem Bein auf das andere, drückte einen Bogen Papier gegen die Brust und merkte nicht, dass sie ihn dabei zerknitterte. »Erik hat gemeint, du bekommst auch gerne Telegramme«, sagte sie schüchtern und fügte hastig hinzu: »Aber das hat er vielleicht nur so gesagt. Wahrscheinlich magst du gar keine Telegramme und ich kann ja auch nicht so schön zeichnen wie Wassilisa. Bestimmt findest du es ganz schrecklich. Erik kann doch gar nicht wissen, ob du gerne Telegramme bekommst. Ich glaube, ich bekäme gerne welche, aber mir hat noch nie einer eines geschickt.« Er runzelte die Stirn und streckte die Hand aus. Eine neue Masche, Geld zu erbetteln? Vorsichtig kam Olga näher und reichte ihm den Bogen. Diesmal wenigstens keine Karte, sondern allerfeinstes Briefpapier. An den Telegrafenmann stand in großen krakeligen Lettern drauf. Er faltete das Blatt auf. Eine Zeichnung. Ein Luftschiff samt Auftriebskörper, Gondel und Propellern. Hinter einem Fenster ein kleines Strichmännchen. Olga sah ihn mit großen Augen an, begann kurz darauf zu strahlen und stellte sich auf die Zehenspitzen. »Das bin ich«, sagte sie begeistert und zeigte auf das Strichmännchen. »Da fliege ich gerade ein Luftschiff. Das kann ich nämlich, weißt du? Als Erik das Telegramm gesehen hat, meinte er, ich könne es schon richtig gut. Kannst du auch ein Luftschiff fliegen?« Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Einerseits war er gerührt, aber andererseits nicht ganz sicher, ob er nicht doch hinters Licht geführt werden sollte. In Jekaterinburg hatte er es zwar noch nicht erlebt, doch in Moskau waren die Straßenkinder mit allen Wassern gewaschen. Sie schickten einen Lockvogel vor und stahlen, sobald man abgelenkt war, alles, was sie zwischen die Finger bekamen. Man konnte von Glück reden, wenn sie einem nicht noch hinterrücks einen Knüppel über den Kopf zogen. Sicher, Olga würde nichts dergleichen tun, dennoch hatte er das Gefühl, sich freikaufen zu müssen. »Warte«, sagte Leontij und ging in sein Büro. Seine Frau hegte und pflegte einen Kirschbaum im Garten. Die Ernte war mager, doch der Baum war ihr ganzer Stolz. Er nahm eine Kirsche und kehrte zurück. »Hier, die ist für dich.« Olga wirkte ehrlich überrascht und steckte sich nach einigem Zögern die kleine Frucht in den Mund. Er sah, wie sie sie mit der Zunge hin und her schob und schließlich draufbiss. Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen und sie strahlte ihn an. Ganz offensichtlich hatte sie noch nie in ihrem Leben Kirschen gegessen.

Copyright: ©Selma J. Spieweg

 

 

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