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Deserteur Alexej

Krimiserie

Wer bist du, wenn du kein Held mehr sein kannst?

Wohin fliehst du, wenn deine Schuldgefühle dich einholen?

Alexej wollte nie etwas anderes als ein guter Mensch sein, die Schwachen beschützen. Doch durch eine unbeherrschte Tat verlor er alles: seine Zukunft, seine Heimat … und seinen Seelenfrieden. Nun ist er ein Deserteur, ein ehemaliger Polizist einer russischen Sondereinheit, ein Ausländer in Deutschland ohne Aufenthaltserlaubnis und … ein Mörder.

Am falschen Ende der Hoffnung

Emotionale und mitreißende Krimiserie. Tiefgründig und unterhaltend kommt sie ohne Splatter- oder blutige Schockeffekte aus, denn die wahre Hölle liegt in dir oder nirgends.

Am falschen Ende der Hoffnung Am falschen Ende der Hoffnung

 

Band 0

Serienauftakt

Alexej, ein Deserteur der russischen „Schnellen Spezialeingreiftruppe“, verschleppt einen unbedeutenden Abteilungsleiter, der sich nicht erklären kann, warum dieser Fremde Rache an ihm nehmen will. Während das Entführungsopfer alle Hoffnungen auf Rettung aufgibt, wird eine Gruppe Geocacher nichts ahnend ein wichtiger Teil von Alexejs Vergeltungsplan.

Leseprobe

Der Lichtkegel meiner Taschenlampe glitt über die rauen Betonwände. Obwohl dieser Bunker nicht tief unter der Erde lag und draußen ein warmer Frühsommertag Frieden und Idylle vortäuschte, herrschte an diesem Ort eine Kälte, die meinen Atem in der Luft kondensieren ließ. Ein Stück vor mir hielten schwere Stahltüren dem Rost stand, trotzten der ständigen Feuchtigkeit, die sich auf dem Metall niederschlug.

Seit Jahrzehnten hatten sie sich nicht mehr geöffnet. Früher hatte die russische Armee hier Panzer versteckt, jetzt diente dieses Relikt aus den Tagen des Kalten Krieges nur noch Fledermäusen als Winterquartier. Dieser Bunker war ideal ¬– in mehr als einer Hinsicht. Es passte alles. Niemand verirrte sich zufällig in diese vergessene Militäranlage. Abgestandenes Wasser bedeckte knöcheltief den Boden. Er würde also nicht verdursten. Der Eingang zum Versorgungsschacht hinter mir war zugemauert worden.

Um mir Zugang zu verschaffen, hatte ich ein Loch hineingeschlagen. Durch das Flugloch der Fledermäuse, das sich über den Stahltüren und direkt unter der Decke befand, kam Frischluft und ein wenig Licht hier herein. Wesentlich komfortabler als das Gefängnis, in dem ich fast ein Jahr meines Lebens vergeudet hatte. Mein Verließ besaß keine Mauern und war schwerer zu knacken als der sicherste Bunker. Es trug den Namen Trauer, während Schuld den gnadenlosen Wächter stellte. Für gewöhnlich absolut ausbruchssicher. Doch Trauer und Schuld hatten nicht mit dem Zorn gerechnet. Er hatte mit Gewalt Breschen in die Mauern meines Kerkers gesprengt und mich entkommen lassen, wenigstens für eine Weile.

Ich blickte auf den Körper, der regungslos vor meinem Füßen lag. Ein Arm unter Brust und Bauch eingeklemmt, der andere angewinkelt hinterm Rücken, das Gesicht halb im Wasser. Bis auf ein paar blaue Flecken wies der Bastard keine Verletzungen auf. Dafür verstand ich mein Handwerk zu gut. Es hatte allerdings einiges an Selbstkontrolle bedurft, ihm nicht zumindest ein paar Knochen zu brechen.

„Steh auf!“, befahl ich schroff. Keine Reaktion.

Der Penner versuchte den Toten zu spielen. Wenn er wüsste, wie viele Leichen ich in meinem Leben schon zu Gesicht bekommen hatte, echte, zukünftige und vorgetäuschte, würde er meine Zeit nicht mit dieser lächerlichen Darbietung vergeuden. Ich ging in die Hocke und beugte mich vor, bis mein Mund fast sein Ohr berührte.

„Komm, mein Schatz“, flüsterte ich, „es ist Zeit aufzustehen.“

Ein Zittern ließ seine Gesichtszüge erbeben, ein dünnes, ängstliches Winseln drang aus seiner Kehle. In einem Winkel meines Bewusstseins regte sich Anteilnahme mit diesem Dreckskerl. In meinem Beruf hatte ich manchmal Mitleid mit den Mördern, Drogenhändlern, dem ganzen Abschaum empfunden, wenn sie wimmernd und verletzt vor mir lagen. Man musste lernen damit umzugehen. Barmherzigkeit mit den Tätern, sie laufen zu lassen, weil sich wieder einmal keine Zeugen fanden, bedeutete die Unschuldigen und Schutzlosen an sie auszuliefern.

Der Kerl da war kein Bombenleger und auch kein Terrorist, er war ein Mörder, ein Totschläger, auch wenn kein Gericht der Welt ihn als solchen verurteilen würde. Verbittert betrachtete ich ihn. Nichts war von dem smarten, erfolgreichen Abteilungsleiter, der die Karriereleiter steil nach oben stürmte, übrig geblieben. So schnell konnte es gehen. Eine Stunde im Kofferraum eines gestohlenen Wagens reichte aus, um Jahre der Selbstgefälligkeit zu eliminieren.

Mit dem Handrücken strich ich ihm über die Wange und beobachtete zufrieden, wie sehr ihn diese Geste in Panik versetzte. Er hyperventilierte, und sein Sabber bildete kleine schäumende Bläschen vor seinen Lippen. Trotz der Kälte perlten Schweißtropfen auf seiner Stirn.

„Mach die Augen auf“, sagte ich. „Sieh mich an. Vielleicht kommt dir ja dann eine Idee, warum du hier bist.“

Er presste die Kiefer aufeinander, alle Muskeln in seinem Gesicht verkrampften sich.

Meine Stimme wurde ganz sanft. „Sieh mich an.“

„Sie müssen mich mit jemandem verwechseln!“, sagte er winselnd.

Ich gab ihm eine schallende Ohrfeige. „Sieh mich an, du Wichser, oder ich schneid’ dir die Eier ab und stopf sie dir in den Hals“, schrie ich.

Endlich öffnete er die Augen. Na also, geht doch.

„Bitte!“, flehte er. „ Ich weiß nicht, wer Sie sind oder was Sie von mir wollen. Tun Sie mir nichts!“

Ich stand auf. Er widerte mich an und ich wusste nicht, wen ich für das, was passiert war, mehr hasste: ihn oder mich. Es kostete mich viel Willenskraft, nicht die Beherrschung zu verlieren, nicht so lange auf ihn einzuprügeln, bis ich ihm die Därme zwischen den Rückenwirbeln hindurch aus dem Leib gedroschen hätte. Tief durchatmend, ging ich auf und ab. Dabei ballte ich meine bebenden Hände zu Fäusten, streckte die Finger wieder, ballen, strecken – immer und immer wieder, um meinen Händen eine andere Beschäftigung zu geben.

Mein Zorn war nicht das Einzige, was ich unter Kontrolle bekommen musste. Alles in meinem Körper schrie nach Wodka, forderte den Alkohol ein, an den ich ihn im letzten Jahr gewöhnt hatte. Nicht, dass ich es bereute, Brüderchen Vollrausch gewährte mir im Gegenzug Vergessen und hatte mich mehr als einmal davor bewahrt, die Waffe an die Schläfe zu halten und abzudrücken. Vielleicht läge ich heute mit einem Loch im Schädel in irgendeiner Ecke, wenn ich nicht diese eine unscheinbare, unwichtige und zum Kotzen selbstgefällige Nachricht im Internet gelesen hätte: Jens Zieten, von seinen Mitarbeitern zur vorbildlichsten Führungskraft des Betriebs gewählt. Wen hatte man abstimmen lassen? Seine Speichellecker und Arschkriecher? Ich hörte mit der gehetzten Wanderung von Wand zu Wand auf, blieb vor dem Mistkerl stehen.

„Wie fühlt man sich so als Vorgesetzter des Jahres?“, fragte ich bebend vor Wut.

Seine Lieder flackerten und er starrte mich entsetzt an. Er erkannte mich noch immer nicht, hatte keine Ahnung, warum ihm das alles widerfuhr. Wenigstens wusste er jetzt, dass ich ihn nicht mit jemandem verwechselte. Mit einem Griff in eine der Taschen meiner Cargohose holte ich einen kleinen schwarzen Behälter hervor. Ängstlich verfolgte er meine Bewegung. Nein, es war keine Bombe.

„Hier“, sagte ich und warf ihm die Filmdose zu, die platschend vor seiner Nase im Wasser landete, „heb’ sie gut auf!“

„Was ist das?“, fragte er.

„Ein Geocache“, antwortete ich, „oder besser gesagt, die Dose mit dem Logbuch, die am Ende der Suche auf die Jäger wartet.“

Beim Wort ‚Jäger’ wurde er blass. Er irrte sich, von denen hatte er nichts zu befürchten. Ich wandte mich zum Gehen.

„Du kannst mich doch nicht zurücklassen!“, rief er mir hinterher.

„Wenn es dir lieber ist, kann ich dich auch umbringen“, sagte ich drohend und setzte meinen Weg fort.

Aufgewühlt und mit rasendem Pulsschlag erreichte ich das Loch in der Mauer, kroch hindurch und stand in dem Schacht, der nach draußen führte. Früher konnte man über Eisensprossen in der Wand in den Bunker gelangen, in den Jahren nach dem Abzug der Russen waren sie fast alle verrostet. Die letzten hatte ich heute Morgen losgetreten. Immer noch vor innerem Aufruhr bebend, griff ich nach dem Seil, hängte meinen Gurt und die Handsteigklemme ein und kletterte nach oben.

Im Freien angekommen, wurde ich ruhiger. Der Wald um mich herum war vollkommen still, nicht einmal Vögel zwitscherten, nur die trockenen Kiefernnadeln knirschten leise unter meinen Schuhen. Erneut schüttelte ein Zittern meinen Körper, er verlangte eindringlich, den üblichen Alkoholpegel herzustellen. Sie war wieder da, diese unendliche Leere in mir, die mich seit ihrem Tod auf Schritt und Tritt begleitete. Den Kopf in den Nacken legend, versuchte ich die Unruhe und das Verlangen nach Hochprozentigem in den Griff zu bekommen. Ich durfte mich jetzt nicht betrinken, musste einen klaren Kopf bewahren. Dieser Wald, 40 Kilometer von Berlin entfernt, war mir in der letzten Woche zu einer Zufluchtsstätte geworden, in dem ich manchmal sogar so etwas wie Ruhe gefunden hatte, der die quälenden Schuldgefühle besänftigte und mich mit seiner Stille in meiner Trauer tröstete. Die Anwesenheit ihres Mörders zerstörte den Frieden.

Das traf mich vollkommen überraschend, damit hatte ich nicht gerechnet – nicht in dieser Heftigkeit. Gestern hatte ich diesem Wichser zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden. Ich war ihm von seiner Arbeitsstelle aus gefolgt, die er zusammen mit zwei seiner Speichellecker verlassen hatte. Sie hatten eine Bar aufgesucht. Es war ein Freitagabend. Die meiste Zeit hatte ich im Auto gewartet, doch in den frühen Morgenstunden war ich ins Lokal gegangen und hatte mich, ein paar Hocker von der Dreiergruppe entfernt, an den Tresen gesetzt Sie unterhielten sich, machten Witze, lachten wiehernd. Vielleicht wäre alles anders gekommen, ich hätte von meinem Plan Abstand genommen, wenn ich nicht Zeuge dieses Gesprächs geworden wäre. Sie machten sich über ihre Untergebenen lustig, betitelten sie als faule Blaumacher und zogen lang und ausgiebig über unfähige Stümper her. Die drei waren nicht wählerisch, empfanden offensichtlich für keinen ihrer Mitarbeiter Achtung, aber auf eine Frau hatten sie es ganz besonders abgesehen. Ihr Name fiel nicht, sie nannten sie ‚die Heulsuse’. Das zu hören war so, als hätte man mir ins Gesicht geschlagen.

Ja, sie waren Mörder und ein Opfer reichte ihnen nicht. Im Morgengrauen brachen sie endlich auf und trennten sich vor der Bar. Der schlimmste dieser Penner, Jens Zieten, das hehre Vorbild, machte sich allein auf den Weg nach Hause. Ich wartete einen günstigen Moment ab, schlug ihn von hinten nieder und verfrachtete ihn in den Kofferraum.

 

Die Sonne schien nach wie vor durch die Baumwipfel, doch mit der Ankunft des Arschlochs verlor sie ihre Leuchtkraft. Seine Anwesenheit vergiftete alles. Von Unruhe und Verzweiflung getrieben, stand ich auf. Vielleicht würde ich an ihrem Grab etwas Trost finden. Fahrig zog ich das Seil ein, schob die schwere Abdeckplatte zurück über den Einstieg, verteilte hastig Blätter, Steine und Sand darauf und eilte zum gestohlenen Wagen. Es war sowieso besser, ihn irgendwo in der Stadt loszuwerden.

Eine gute Stunde später stellte ich das Auto in der Nähe des Bahnhofs ab, das Fahrerfenster leicht heruntergekurbelt, die Türen nicht abgeschlossen. Den Rest des Weges, sechs Kilometer, ging ich zu Fuß. Vor ihrem Grab wurden mir mit einem Mal die Knie weich. Taumelnd setzte ich mich auf den Boden und verbarg mein Gesicht hinter den Händen.

„Saschenka“, sagte ich verzweifelt. „Es tut mir so leid.“

Der Brief, in dem sie von ihrem Unglück klagte, hatte mich erreicht, als ich mit der SOBR in Tschetschenien im Einsatz war. Meine Einheit kämpfte gegen den organisierten Terror und nahezu wöchentlich ging irgendwo eine Bombe hoch. Ich hatte so viel Leid, Unglück und verstümmelte Körper gesehen. Ihre Probleme waren mir im Vergleich dazu lächerlich vorgekommen und ich hatte ihr geantwortet, sie solle sich zusammenreißen. Wenn man mit großen Bestien zu tun hat, vergisst man leicht, wie tödlich kleine Stechmücken sein können. Meine Schuld an ihrem Tod war genauso groß wie seine. Ich pflückte vertrocknete Blätter von der kleinen Azalee, die ich gepflanzt hatte.

„Bitte verzeih mir“, wisperte ich.

 

Diese Nacht schlief ich auf dem obersten Treppenabsatz eines Hochhauses, dort, wo normalerweise niemand hinkam und kehrte erst am nächsten Morgen zu meinem Unterschlupf zurück. Als ich lautlos an den Wohnungstüren vorbei schlich, fragte ich mich, wie es den Menschen dahinter wohl erging. Mochten sie ihre Arbeit? Oder jagte ihnen jeder Gedanke daran Schrecken ein? Ich hatte meinen Beruf gerne und mit Stolz ausgeübt, wusste, was ich tat, war wichtig. Saschenkas Tod hatte alles geändert, mich aus der Bahn geworfen. Wenigstens hatte ich damals, als ich abgehauen bin, einen Teil der Spezialausrüstung mitgenommen, so als hätte ich geahnt, dass ich sie noch brauchen könnte.

 

Zurück im Wald, überprüfte ich das Gefängnis meines „Gastes“. Die Tarnung auf der Abdeckplatte war unangetastet. Ich zog mich in mein Versteck zurück. Nun hieß es warten und die letzten Vorbereitungen treffen. Zwei Tage später, an ihrem Todestag, sollte ihr Mörder bezahlen. Das Arschloch musste inzwischen weich gekocht und bereit für den nächsten Schritt sein, dürfte die Hoffnung aufgegeben haben. Also Zeit, ihn wieder mit welcher zu versorgen. Wie hätte er es ausgedrückt? Sich gesprächsbereit zeigen, Konfliktgespräche führen. Sie war ohne jede Chance gewesen. Dieses Arschloch hatte nie vorgehabt, sein Verhalten zu ändern, und anstatt über sein Mobbing zu reden, hielt er ihr Vorträge über ihr Fehlverhalten. Das ganze Ausmaß erfuhr ich erst nach ihrem Tod, nachdem ich ihre Tagebücher gefunden hatte. Die Schikanen hatten sich über zwei Jahre hingezogen. Es hatte mit ständiger Kritik an ihrer Leistung begonnen und sie hatte zunächst noch geglaubt, die Schuld läge wirklich bei ihr. Sie hatte sich noch mehr angestrengt, weitere Überstunden gemacht, ohne zu wissen, dass sie es ihrem Chef gar nicht recht machen konnte, weil er Fehler finden wollte. Er entwickelte eine neue Art des Prangers: Wenn sie etwas falsch gemacht hatte, schrieb er polemische E-Mails und setzte den halben Betrieb auf den Verteiler. Er warf ihr vor, ständig zu spät zu kommen, was nicht stimmte. Sie begann damit, die Zeiten aufzuschreiben, wann sie ins Büro kam und wann sie Feierabend machte. Er weigerte sich, diese Stundenzettel zu unterschreiben, mit den Worten, er könne es ja nicht nachprüfen, außerdem widerspräche es der Firmenphilosophie; hier würde man auf der Basis von Vertrauen zusammenarbeiten. Er teilte ihr immer mehr Arbeit zu, sie ließ die Mittagspausen ausfallen, um das irgendwie bewältigen zu können, saß abends noch länger vor dem Computer und schaffte dennoch nicht alles. Sie erhielt Abmahnungen wegen mangelhafter Arbeitsleistung. Dann wurden die Büros neu aufgeteilt. Hatte sie zuerst mit mehreren in einem Raum gesessen, fand sie eines morgens ihren Arbeitsplatz nicht mehr. Schreibtisch, Rechner, Unterlagen, alles war fort. Sie musste über eine Stunde warten, bis die ersten Kollegen zur Arbeit kamen, die ihr erklärten, sie würde ihre Sachen in einem Einzelbüro am Ende des Ganges finden, ein Raum, der zuvor als Abstellkammer gedient hatte. Auch da versuchte sie noch mit ihrem Vorgesetzten zu reden, das Problem zu klären, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen, deutete an, dass die neue Raumverteilung den Beschwerden ihrer Kollegen über sie geschuldet sei, und riet ihr, sich psychiatrisch untersuchen zu lassen. Kurz danach fing ihr Chef damit an, anstatt sie mit Arbeit zu überhäufen, ihr nach und nach alle Aufgaben zu entziehen, sodass sie am Ende allein in einem dunklen Raum saß und nicht wusste, was sie die acht Stunden bis zum Feierabend tun sollte. Saschenka hatte versucht, einen Ausweg zu finden.

Sie bewarb sich bei anderen Firmen und erhielt keine Antwort. Ein Anwalt meinte, ohne Beweise hätte ein Gerichtsverfahren keine Aussicht auf Erfolg, nichts von dem erfülle einen Straftatbestand. Sie sprach mit dem Arbeitsamt und man sagte ihr, wenn sie selbst kündige, werde eine dreimonatige Sperre verhängt, zudem sähen sie Probleme mit der Verlängerung ihrer Arbeitserlaubnis und ohne die müsse sie mit einer Ausweisung rechnen. Sie bat Ärzte um Krankschreibungen, die sie nicht erhielt, vielleicht weil sie ihnen nicht die Wahrheit sagte.

Das Misstrauen der Russen gegenüber Gesundheitsbehörden ist tief verwurzelt. Also versuchte sie stark zu sein, den Terror wie eine echte Russin zu ertragen, die Eltern und den Bruder nicht zu enttäuschen und ich ... ich Verräter schrieb, sie solle sich zusammennehmen. Dabei kamen wir aus einem Land, das mit Litauen und Weißrussland seit Jahrzehnten sämtliche Selbstmordstatistiken anführte. Wie hatte ich nur so blind, so herzlos sein können?
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Die Erben des Deserteurs Die Zeitmaschine des Arabers

 

Band 1

Alexej ist auf der Flucht. Als illegale Aushilfskraft findet er Unterschlupf auf dem Bauernhof von Friedrich Petersen, auf dem auch Elsa, die Schwiegermutter des Bauern, lebt. Sie möchte ihre Erinnerungen an den Krieg veröffentlichen, doch jemand versucht das unter allen Umständen zu verhindern und schreckt auch vor einem Mordversuch nicht zurück. Alexej hat zwar schnell einen Verdacht, wer dahinter steckt, aber den Grund kann er sich nicht erklären. Was ist an der Lebensgeschichte der alten Frau so brisant? Hat es etwas mit dem desertierten sowjetischen Soldaten zu tun, den Elsas Freunde aus der Ostsee gerettet haben?

Leseprobe

1. Kapitel

Bauer Petersen stand auf dem Hof und hielt nach mir Ausschau.
„Wo steckt dieser verdammte Polacke schon wieder?“, fluchte er.
Der Polacke war ein Russe, und ich steckte, egal wie man es betrachtete, in der Scheiße. In meiner Heimat galt ich als Deserteur und Dieb. Beides nicht zu Unrecht. Ich hatte die SOBR mit einem Teil der Spezialausrüstung verlassen, ohne mich zu verabschieden, um in Deutschland einen Mord zu begehen. Für den hatte ich meine Gründe, jedoch ein Gericht davon zu überzeugen, würde noch schwerer sein, als die SOBR zu überreden, mich wieder in ihren Reihen aufzunehmen. Seitdem ich vor zwei Monaten mein letztes Geld aufgebraucht hatte, hielt ich mich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Nicht einfach für einen Ausländer, der zwar gut deutsch sprach, aber nur mit starkem russischen Akzent. In Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern schlug man mir in der Regel die Tür vor der Nase zu, wenn ich einen Stapel Holzhacken gegen eine warme Mahlzeit eintauschen wollte. Der ehemalige Klassenfeind zeigte sich gegenüber der hungernden Arbeiterklasse wesentlich mitfühlender. Ich bekam fast immer etwas zu essen, manchmal ein wenig Geld und ab und zu sogar einen Schlafplatz in einer Scheune. Es sei denn, ich geriet an jene, die bei meinem Auftauchen dachten: „Hilfe! Die Russen kommen! Bringt eure Frauen und Töchter in Sicherheit“. Dann konnte man das Knallen der Türen vermutlich bis nach Moskau hören.
Auf diese Art kam ich in den Norden, unweit der dänischen Grenze, in ein Dorf namens Langballigau. Hier fiel des Öfteren Arbeit für mich ab, zumindest während des Sommers. Im Winter bekäme ich ein Problem.
Ich war froh, als Lars, ein älterer Fischer, dem ich gelegentlich beim Ausladen der Kisten half, sagte, er hätte da was für mich.
So landete ich bei Bauer Friedrich Petersen. Ich erhielt drei Mahlzeiten am Tag und einen hinfälligen Bauwagen, den ich mir als Unterkunft herrichten durfte. Petersen bewirtschaftete ein paar Äcker und hielt 50 Schweine, deren Ausscheidungen ich zurzeit wegschaufelte, weil ihm ein Malheur mit dem Gülleanhänger passiert war. Wie gesagt: Ich steckte in der Scheiße.
„Was gibt’s denn?“, fragte ich und trat hinter dem Anhänger hervor.
Petersen musterte mich von oben bis unten und wie üblich gefiel ihm nicht, was er sah. Sein Problem. Ich mochte ihn ebenfalls nicht, es beruhte also auf Gegenseitigkeit. Aber im Gegensatz zu mir hatte er sich anstrengen müssen, dass ich in ihm nur einen unsympathischen Idioten sah. Ständig Polack genannt zu werden, entzückte niemanden – Russen noch weniger als Polen. Nicht, dass ich Iwan gemocht hätte. Es überraschte ihn möglicherweise, aber auch ich gehörte zu dem überwiegenden Teil der Menschheit, der es nicht schätzte, beleidigt zu werden. Ich bezeichnete ihn ja auch nicht als Kartoffel oder колбасники. Seine Abneigung mir gegenüber hatte er ganz ohne mein Zutun entwickelt. Bei unserer ersten Begegnung, als Lars mich zu Petersens Hof begleitete, um mich vorzustellen, hatte ich Petersen die Hand entgegengestreckt und freundlich lächelnd gesagt: „Hallo, ich heiße Alexej.“
„Weiß der Polacke, dass es kein Geld gibt?“, fragte Petersen Lars und ignorierte meine Hand, mein Lächeln und meine Person.
„Ja“, antwortete Lars, freundlich wie immer, und warf mir einen Seitenblick zu, „ich hab ihm das Meiste erklärt.“
Stimmte auch, bis auf den Umstand, dass er nicht erwähnt hatte, was für ein Arschloch mein zukünftiger Boss sei.
Widerwillig drehte Petersen den Kopf und sah mich nun doch an. Mein Lächeln wurde zwar etwas steif, aber ich behielt es bei und achtete darauf, es nicht zu einem Zähnefletschen werden zu lassen und ich kam zum ersten Mal in den Genuss seiner abschätzigen Musterung. Seine Blicke wanderten von meinem Kopf zu meinen Füßen, anschließend zu meinen Händen und schließlich wieder zu meinem Kopf. In seinem Gesichtsausdruck kämpften Abscheu und Herablassung um die Vorherrschaft.
„Und“, fragte er, immer noch mit Lars und nicht mit mir redend, „hat er’s kapiert?“
Bezweifelte er, ich würde so einfache Erklärungen wie: Kein Geld, viel Arbeit, drei Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf, verstehen?
Ich hatte erwartet, Lars würde ihm klar machen, dass ich kein Vollidiot sei, oder zumindest mit milder Entrüstung reagieren, aber tatsächlich schwieg er. Verwundert drehte ich mich zu ihm um.
Er lächelte mich entschuldigend an und hob leicht die Schultern. Bat er um Nachsicht für Petersens Verhalten oder dafür, dass er mich als Dummkopf angepriesen hatte?
„Hm“, brummte Lars zögernd, „über die Einzelheiten haben wir noch nicht gesprochen.“
Petersen gab ein Grunzen von sich.
„Zeig ihm den Bauwagen“, sagte er schließlich, nickte in Richtung Scheune und stampfte davon.
„Ist der immer so?“, fragte ich, nachdem mein neuer Arbeitgeber im Schweinestall verschwunden war.
„Mach dir nix draus, min Jung“, sagte Lars und tätschelte mir die Schulter. „Er mag Fremde nicht besonders, aber wenn du ihn näher kennenlernst, wirst du merken, dass auf ihn und sein Wort absolut Verlass ist.“
Ich starrte immer noch in Richtung Schweinestall. Ein vielstimmiges Quieken erklang von dort. Ich verkniff mir jede Bemerkung, die sich dazu aufdrängte, und konnte mir im Übrigen nicht vorstellen, dass ich in naher Zukunft den Wunsch verspüren würde, Bauer Petersen näher kennenzulernen.
Das war also mein Empfang gewesen.

„Meine Frau braucht Hilfe“, sagte Petersen und Blicke auf die Scheiße, in der ich stand und die er verzapft hatte, „Irgendwas ist mit der Waschmaschine. Aber wasch dich vorher.“
Ich stöhnte und verdrehte die Augen. Niemand stank gerne nach Schweinegülle, doch in der Nähe dieser Frau erwies sich das als nicht zu unterschätzender Vorteil. Es half, sie sich vom Leib zu halten, denn sie neigte zu Aufdringlichkeit.
Schon in meiner zweiten Nacht auf dem Hof war sie zu mir in den Bauwagen gekommen. Leicht bekleidet und den Küchen- und Schweinegeruch hatte sie versucht, mit mehreren Litern billigen Parfüms zu überdecken, was nicht gelang. Vielmehr vermischte sich alles zu einer chemischen Kampfwaffe, die dem Gegner durch Brechreiz die Sinne rauben konnte. So bestimmt wie nötig und so höflich, wie es mir möglich war, verfrachtete ich dieses Weib nach draußen und blockierte hinter ihr die Tür von innen.
Sie versuchte es mit erstaunlicher Hartnäckigkeit und vollkommen realitätsfremd drei Nächte hintereinander. Danach hörten zum Glück die abendlichen Belästigungen auf und sie verlegte sich darauf, mir „zufällig“ mit offenem Morgenmantel in der Scheune zu begegnen oder zweideutige Bemerkungen zu machen, die selbst einem besoffenen U-Boot-Matrosen zu plump gewesen wären. Ich gab vor, sie nicht zu verstehen. Es hatte Vorteile, ein Ausländer zu sein.
Selbst wenn ich mich nicht in der Situation befände, dass ein wütender Ehemann nur einen Anruf entfernt war, die Polizei auf einen illegalen Ausländer aufmerksam zu machen, wären mir ihre Annäherungsversuche zuwider. Dieses Weib hatte das Aussehen, die Eleganz und den Charme einer Kuh beim Kalben. Was ihren Bildungsstand betraf – ich bezweifelte, dass sie den Unterschied zwischen Bolschoi und Bolschewik kannte.

Als Petersen im Stall verschwand, stellte ich die Schaufel beiseite und lief ums Haus herum zur Waschküche.
Schmutzwasser floss mir entgegen und die Waschmaschine wackelte im Schleudergang über den Boden.
„Alexej!“, rief Gudrun Petersen aus. „Gut, dass du kommst.“
Dem folgte ein anzügliches Lächeln. Ich verdrehte die Augen, ging zur Wand, und zog den Stecker, was den Tanz beendete. Warum hatte Petersen das nicht erledigt? Was sollte der Schwachsinn, mich hierher zu scheuchen?
Die Alte pflügte durchs Wasser auf mich zu wie ein schlingernder Kutter. Abrupt blieb sie stehen.
„Ihh, du stinkst!“
Ihre charmante Art ignorierend, schob ich das wuchtige Gerät an seinen Platz zurück.
Mit den Worten: „Dass du mir ja nicht die Wäsche mit deinen Schmutzfingern anfasst!“, zeigte sie ihre Wertschätzung für meine Hilfe.
„Ihre Wäsche möchte ich unter keinen, wie auch immer gearteten Umständen anfassen“, erwiderte ich auf Russisch.
„Was hast du gesagt?“
„Ich sagte, der Wasserschlauch hat sich gelöst“, antwortete ich und hielt das lose Ende hoch.
„Und warum ist sie durch die Gegend gewandert?“
Ihr Tonfall klang, als sei es meine Schuld. Ich zuckte mit den Schultern.
„Unwucht! Sie stand nicht gerade.“
Ich ging in die Hocke, um nachzusehen. Einer der verstellbaren Füße war kürzer. Ich drehte ihn heraus.
„Müsste jetzt in Ordnung sein.“
Nachdem das Problem beseitigt war, erinnerte sie sich daran, dass sie an meine Wäsche wollte. Wirklich, was sollte ich hier? Plante der Bauer, mich auf seine Alte zu hetzen? Okay, ich an seiner Stelle hätte auch probiert, sie loszuwerden.
„Ach, was du alles kannst“, seufzte sie.
Offensichtlich stank ich nicht genug nach Schweinegülle.
„Alexej!“, schmachtete sie mich an.
Da bevorzugte ich es, wenn ihr Mann mich ‚Polack’ nannte, anstatt sie meinen Namen säuseln zu hören.
„Ich muss zurück an die Arbeit“, sagte ich und stand auf.
Sie hatte inzwischen den strategisch wichtigen Ausgang eingenommen, versperrte ihn mit ihrem massigen Körper, während sie an ihrem Dekolleté zupfte, um möglichst viel ihrer schwammigen Haut zu zeigen. Ich drängte mich an ihr vorbei durch die Türöffnung und raunte im Vorbeigehen: „Ich habʼ noch Scheiße zu schippen.“
Sie gab ein Schnauben von sich.
„Du weißt nicht, was du dir entgehen lässt!“, rief sie mir hinterher.
„Mein Glück“, murmelte ich.
Auf dem Hof lief mir Petersen über den Weg. Hatte er auf mich gewartet, um herauszufinden, wie es mit seiner Frau gelaufen war?
„Und?“, fragte er.
„Alles bestens.“
Ärgerlich ließ ich ihn stehen.

Eine halbe Stunde später hatte ich den gröbsten Mist, den Petersen gebaut hatte, beseitigt, holte einen Schlauch und spritzte den Boden. Der scharfe Wasserstrahl spülte den letzten Rest Schweinescheiße vor sich her in den zugewucherten Drainagegraben am Straßenrand. Petersen trat hinter mich und sah mir zu, wie ich seinen Dreck entsorgte.
„Wenn du willst, kannst du dir ein wenig Geld verdienen“, sagte er, als ich fertig war und das Wasser abdrehte. „Lars braucht Hilfe. Er erwartet dich morgen um 5 Uhr am Hafen.“
„Okay! Ich werde da sein.“
Petersen kehrte ins Haus zurück. Ich freute mich darauf, Lars morgen zu treffen. Seit ich auf Petersens Hof schuftete, hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Harte Arbeit machte mir nichts aus, auch nicht anderer Leute Scheiße wegzuräumen, aber es fehlte mir, mal ein freundliches Gesicht zu sehen oder ein aufmunterndes Wort zu hören.
Ich beschloss Feierabend zu machen, räumte das Arbeitsgerät weg und trieb eine Bauwanne aus Kunststoff auf. Das Gut der Petersens war ein typischer Drei-Seiten-Hof: zur Straße offen, Wohnhaus, Stall und Scheune rahmten einen kleinen Hof ein. Mein Bauwagen stand auf einer ungepflegten Wiese hinter der Scheune. Sie wurde hauptsächlich genutzt, um nicht mehr benötigtes Ackergerät und Autoteile vor sich hin rosten, sowie gelegentlich etwas Altöl in den Boden sickern zu lassen. Büsche und Gestrüpp begrenzten die Rasenfläche an zwei Seiten, im Osten – in Richtung Heimat – erstreckte sich ein Feld.
Ich säuberte die schwarze Bauwanne, schleppte sie vor meinen Bauwagen und ließ sie volllaufen. Schließlich zog ich meine Sachen aus, warf sie ins Gras und stieg ins Wasser. Es war kalt, das Richtige für einen heißen Sommer. Aber es erinnerte mich an meine Kindheit, das Falsche für jemanden, der mit Heimweh zu kämpfen hatte. Nach Saschenkas Tod war ich in ein tiefes Loch gefallen, hatte nicht klar denken können. Nun begann ich langsam aufzutauchen. Meine Eltern mussten sich schreckliche Sorgen machen. Sie hatten eine Tochter verloren und wussten nicht, ob es ihrem Sohn gut ging, ob er lebte oder tot war. Es schmerzte, ihnen solchen Kummer zu bereiten, ihnen keine Nachricht senden zu können. Mein Vater war Major in der Armee, ich hatte in einer Eliteeinheit der Polizei gedient. Seine Post und E-Mails las der Geheimdienst mit. Jede Kontaktaufnahme brächte ihn in noch größere Schwierigkeiten, als er mit Sicherheit schon hatte. Besonders als Militärangehöriger sollte man nicht Vater eines Deserteurs sein. Die russische Obrigkeit mochte über vieles hinwegsehen, was ihre Soldaten oder Sondereinsatzkräfte taten, sei es Diebstahl, Schutzgelderpressung oder Vergewaltigung, aber bei Fahnenflucht zogen sie die Grenze. Da hörte für sie der Spaß auf.
Mein Vater hatte mit uns Kindern nie darüber gesprochen, denn offiziell gab es das gar nicht, Desertion von der ruhmreichen russischen Armee, aber damals, als er noch bei Bernau mit dem Garde Rotbanner Panzerregiment stationiert war, kam er manchmal sehr schweigsam nach Hause. Meiner Mutter erzählte er, was ihn bedrückte. Meine Schwester und ich lauschten an der Tür. Es kam erstaunlich häufig vor, dass Soldaten desertierten, und sollte der Fahnenflüchtige seine Waffe mitgenommen haben, dann konnte er von Glück reden, wenn man überhaupt den Versuch unternahm, seiner lebend habhaft zu werden und ihn nicht ohne Anrufung über den Haufen knallte.
Bei Bernau, in der Nähe von Berlin, lag auch der Panzerbunker, in dem sich meine Schwester erhängt hatte und der, in dem ich mein Opfer ... über den Haufen geknallt hatte. Mir wurde übel.
Ich tauchte mit dem Kopf unter, ließ die Luft aus den Lungen entweichen und hoffte, dass die Kälte die schwermütigen Gedanken vertrieb. Der Verlust meiner Schwester, das Wissen, meinen Eltern noch mehr Leid zuzufügen und mein Heimweh waren mehr als ich zu ertragen vermochte. Ich verharrte, bis das Gefühl zu ersticken mich zum Auftauchen zwang. In zwei Jahren ginge mein Vater in Pension, dann könnte ich es vielleicht wagen, ihn anzurufen und anfangen nachzudenken, wie ich mir meine Zukunft vorstellte. Ich hatte einen Menschen getötet, egal wie begründet meine Motive sein mochten.
Bereute ich es, getötet zu haben? Ich wusste es nicht. Jeder Gedanke an dieses Schwein ließ wieder Wut in mir hochsteigen. Ich bereute es, meine Eltern in diese Lage gebracht zu haben und fürchtete mich vor der Einsamkeit, die auf mich wartete, obwohl ich sie akzeptieren konnte. Ein Mensch war ermordet worden: Das heimatlose Leben auf der Flucht war meine Strafe.
Seufzend beugte ich mich über den Rand und langte nach Seife und Wurzelbürste. Dieser verdammte Güllegestank saß in allen Poren. Ich schrubbte, bis meine Haut krebsrot leuchtete.
„Ich hoffe, du hast Appetit!“
Oh nein, nicht sie schon wieder. Ich spülte mir die Seife aus den Augen und warf einen Blick nach hinten. Petersens Frau kam mit einem Tablett in den Händen über die Wiese gelaufen. Sie brachte mehrere dick belegte Brote, kalten Braten, den Rest des heutigen Mittagessens und eine Flasche Bier. Warum hatte sie mein Essen nicht wie üblich in der Küche gelassen?
„Stell es ab“, sagte ich ungehalten. „Ich bringe das Geschirr morgen zurück.“
Sie nickte, sah sich kurz um, und stellte mein Abendbrot auf einen Stuhl neben dem Eingang zum Bauwagen. Ich hoffte, sie verschwände, was sie natürlich nicht tat. Süffisant grinsend und mit dem Hüftschwung einer betrunkenen Elefantenkuh steuerte sie auf mich zu.
„Warte, ich schrubbʼ dir den Rücken.“
„Nein!“, erwiderte ich knurrend und brachte meine Waschutensilien vor ihr in Sicherheit.
„Komm schon, das macht mir nichts aus.“
Sie ging neben der Wanne in die Hocke und hielt interessiert nach der Seife Ausschau, die ich unter Wasser versteckte. In meiner Kindheit und Jugend hatte ich mich oft geprügelt, aber niemals ein Mädchen oder eine Frau geschlagen. Dieses aufdringliche Weib schaffte es, in mir den Wunsch zu wecken, mit diesem Grundsatz zu brechen und ihr eine Ohrfeige zu verpassen.
„Hast du da die Bürste?“, fragte sie und streckte die Hand aus, um ins Wasser zu greifen.
Ich unterband das, indem ich sie am Handgelenk packte, fester als nötig. Sie kapierte zwar nicht, wie ernst es mir war – diese Feinheiten der zwischenmenschlichen Kommunikation waren ihr fremd – sah aber ein, dass es keine gute Idee war, in meinem Badewasser nach etwas zu suchen. Sie stand auf und ich ließ sie los. Leider gab sie nicht auf. Sie sah sich um und entdeckte meine schmutzige Kleidung.
„Was ist mit deinen Sachen?“
„Die wasch ich gleich!“, erwiderte ich schroff. „Sobald ich raus bin.“
Der letzte Satz war ein Fehler. Ihre schweren Lider senkten sich, die Augenbrauen wanderten in die Höhe und die Lippen wurden gespitzt. Das schien ihre Auslegung eines ‚lasziven Blicks’ zu sein.
„Ach, lass nur“, sagte sie mit schlechter Nachahmung einer verruchten Stimme. „Das kann ich für dich erledigen.“
Sie bückte sich, der Ausschnitt ihrer Bluse schaukelte vor meiner Nase und gab den Blick bis unter die Gürtellinie frei. Beziehungsweise hätte es getan, wenn ihr Bauch dem nicht massiv im Weg gestanden hätte.
„Träum was Schönes!“, rief sie mir zu, als sie mit meinen Klamotten abzog.
Fluchend stieg ich aus dem Wasser. Es war erst August. Bis zum Ende des Winters würde es verdammt lang werden.


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Der Besucher Kurzkrimi

 

Kurzgeschichte

 

Komplette Kurzgeschichte

Nur das Knacken eines einzelnen Zweiges verriet, dass jemand an meinen Lagerplatz getreten war. Keine Schritte, kein raschelndes Laub hatten meinen Besucher angekündigt. Ich sah nicht auf, ich wusste auch so, wer es war: Der letzte Mensch, den ich sehen wollte, und ich hatte erwartet, ihm ginge es genauso.

Unser letztes Zusammentreffen endete … nun ja … nicht gerade einvernehmlich. Vor mir auf dem Waldboden stand mein Campingkocher. Eine frisch geöffnete Dose Bohnen wärmte über kleiner Flamme auf. Mit dem Gas musste ich sparsam umgehen, es war die letzte Kartusche. Ich fror. Der Nebel, der sich seit Wochen nicht lichtete, fraß sich mit seiner Feuchtigkeit durch die Kleidung. Alles war kalt und klamm. Nicht nur das Wetter, nicht nur die Welt, in der ich lebte, auch meine Gedanken und all meine Empfindungen. Grau und trüb. Trostlos. Diese Bohnen waren die einzige Farbe, der einzige Lichtblick. Seltsam, wie viel Trost man aus einer lauwarmen Mahlzeit ziehen konnte.

War ich früher, als ich noch ein Leben hatte, auch so dankbar für solche Kleinigkeiten gewesen? Mein Besucher stand regungslos vor mir und starrte mich an.

Unauffällig hob ich den Blick, sah seine Schuhe und Hosenbeine. Sie waren nass und stanken nach brackigem Wasser, so als säße er noch immer in dem verlassenen Bunker fest. Die Begegnung damals hatte alles geändert, alles zerstört, was wir beide an Zukunft oder Hoffnung jemals besessen hatten.

Manchmal drangen … Gäste … zu mir durch. Sie tauchten entweder in meinen Verstecken auf, standen vor mir, so wie mein neuester Besucher, blieben meistens aber unsichtbar – eine Stimme aus der Nacht oder aus dem Wald. Sie kamen, um mir zu sagen, was für ein schlechter Mensch ich sei. Ein Versager, ein Arschloch, ein Dreckskerl und Verräter. Er war noch nie aufgetaucht und ich wunderte mich, dass er es wagte, hier zu erscheinen, dass er den Mumm hatte, mir unter die Augen zu treten, nach dem, was er getan hatte – nach dem, was ich getan hatte.

„Was willst du?“, fragte ich.

Mir brach die Stimme weg. Ich schob es darauf, dass es die ersten Worte seit Langem waren, die ich sprach. Warum verschwand er nicht einfach dahin, wo er hergekommen war? Von mir aus, nachdem er seinen Spruch aufgesagt hatte. Er konnte mir nichts vorwerfen, dessen ich mich nicht schon selbst beschuldigt hatte.

„Alexej.“

Ich wartete darauf, dass dem irgendetwas folgte, doch es kam nichts. Es gab nur eine Sache, die ich von ihm hören wollte, aber die hat er nicht einmal über die Lippen gebracht, als es um Leben oder Tod gegangen war. Warum sollte er es also jetzt tun, wo dieser Anreiz nicht mehr bestand?

„Verzieh dich“, sagte ich. „Kriech zurück in das Loch, aus dem du gekommen bist und verrotte dort.“

Er rührte sich nicht vom Fleck und schließlich schaute ich auf und blickte in seine verhasste Fratze. Er sah genauso schlimm aus wie bei unserer letzten Zusammenkunft, aber alles andere wäre auch seltsam gewesen. Schließlich musste er wirklich aus einem Loch gekrochen sein. Aus einem tiefen Loch. Zwei Meter unter dem Waldboden. Sein aschfahles, aufgedunsenes Gesicht bebte vor Angst. Gefangen in einem Albtraum. Da geht es dir wie mir, dachte ich ohne Genugtuung, auch ich kann dem, was ich getan habe, nicht entkommen. Was auch immer ihn in Angst und Schrecken versetzte, ich war nicht derjenige, vor dem er sich fürchtete. Nicht mehr. Hätte auch keinen Sinn, was sollte ich ihm jetzt noch antun? Das hatten wir alles schon hinter uns.

Die Eintrittswunde prangte groß und rot genau zwischen seinen Augenbrauen und, als die Kugel am Hinterkopf wieder ausgetreten war, hatte sie ihm den halben Schädel weggesprengt. Er war tot und ich konnte ihn ja schlecht ein zweites Mal erschießen.

„Du bist schuld“, fand er endlich seine Sprache wieder.

„Ja, klar“, erwiderte ich und rührte die Bohnen um.

„Du hast mich umgebracht!“

„Auch schon bemerkt?“

Mir war bewusst, dass ich mich hinter diesen bissigen Bemerkungen versteckte. Doch ihm stand es nicht zu, mir irgendetwas vorzuwerfen, nicht, bevor er mir genau sagte, wofür er sich die Kugel eingefangen hatte. Und bis dahin war ich ihm keine Rechenschaft schuldig.

 

Er war nicht der erste Mensch, den ich getötet hatte, wenn auch der erste Mord. Man hätte meinen sollen, ich wäre auf das Schuldgefühl vorbereitet gewesen. Früher, in einem anderem, schmerzlich fernen Leben, war ich Polizist, Mitglied einer Spezialeinheit, die gerufen wurde, wenn die Scheiße wirklich überkochte. Der organisierte Drogenhandel war ein Milliardengeschäft, die Killer der Drogenmafia beinahe so gut ausgebildet wie wir – und manchmal sogar besser ausgerüstet. Natürlich hatte es Tote bei unseren Einsätzen gegeben. Aber von denen war niemals einer aufgetaucht, um sich bei mir zu beschweren. Er war die erste Leiche, die ein so dringendes Mitteilungsbedürfnis hatte, dass sie ihr Grab verließ. Im Vergleich zu dem Drogenkillern und Terroristen war er nur ein kleines Licht – und ein erbärmlicher Feigling. Er hatte sich eine Art zu töten ausgesucht, für die ihn kein Gericht der Welt verurteilen würde.

„Wie bist du aus dem Loch rausgekommen?“, schützte ich mich mit Spott. „Ich dachte, ich hätte dich tief genug verbuddelt. Hättest du nicht längst Kompost sein müssen? Aber anscheinend weigerst du dich sogar als Leiche, nützlich für die Allgemeinheit zu sein.“

An seiner Kleidung klebte keine Erde. Seine Haut zerkratzt, käsig und aufgequollen, aber keine Spur von Verwesung. Er war nur eine Halluzination.

Meine anderen Besucher, Trugbilder wie er, waren meines Wissens nach alle noch am Leben. Meistens kam Dimitri, mein ehemaliger Vorgesetzter und Einsatzleiter meiner Einheit. Den realen Dimitri hatte ich ganz gerne. Er war ein fähiger Mann. Doch die Wahnvorstellung von ihm hatte nichts anderes zu tun, als mir meine Fehler und mein Versagen aufzuzählen. Wenigstens war ich nicht vollständig am durchdrehen, noch wusste ich, dass meine Besucher nicht real waren. Meistens zumindest.

Ich streckte die Hand nach der Dose aus. Sie wurde langsam warm. Es war schön, das zu spüren, die Wärme, den Duft der roten Bohnen zu riechen. Wie ein Band zu einer Zeit, als es noch Geborgenheit und Halt gegeben hatte, als die Welt noch in Ordnung, als ich noch bei meiner Einheit gewesen war. Meinen Job hatte ich geliebt, er war wichtig, dort konnte ich etwas bewirken und ... ich hatte ihn gut gemacht. Ich hatte viele Menschen gerettet.

Wenn Dimitri kam oder als Stimme aus dem Wald rief, dann, um mir zu sagen, dass das nicht stimmte. Er warf mir vor, zu unbeherrscht, jähzornig, ein Wackelkandidat und ein Sicherheitsrisiko zu sein, man hätte mich im Grunde rauswerfen müssen. Wenn mir in solchen Momenten einfiel, dass ich mit einem Hirngespinst redete, musste ich ihm recht geben. Alles, was ich seit Alexandras Tod getan hatte, sprach dafür. Doch vorher hatte ich ihm keinen Grund zur Klage geliefert. Ich hatte meinen Job gemacht. Und ich hatte ihn gut gemacht!

„Warum habt ihr mich dann nicht rausgeworfen?“, rief ich in den undurchdringlichen Nebel, der mein kleines Lager eingekreist hatte, hinein.

Im Wald blieb es still. Klar, darauf fiel Dimitri nie etwas ein, denn dann hätte er zugeben müssen, dass ich mich früher immer im Griff gehabt hatte.

„Es hat mir etwas bedeutet, Unschuldige zu beschützen!“

Aber das hörte er nicht mehr. Dafür stand dieses Arschloch mit seinem Loch in der Stirn noch immer vor mir und glotzte mich blöd an.

„Ich habe Geiseln befreit!“, herrschte ich ihn aufgebracht an. „Ich habe Terror- und Drogennester ausgehoben, habe Kopf und Kragen riskiert, um andere zu retten!“

Das ganze Elend meines Lebens, meiner versauten Zukunft, meiner Tat, brach mit Wut aus mir heraus. „Und das sollte ich immer noch tun! Aber schau dir an, was ich jetzt bin: Ein Mörder auf der Flucht. Wegen mir gibt es irgendwo einen Vater und eine Mutter, die um ihr Kind trauern.“

„Das ist es, was du bist: ein Mörder!“, stimmte er mir triumphierend zu. Selbst als Toter empfand man also noch Schadenfreude.

„Das bist du auch!“, erwiderte ich böse, verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und behielt ihn genau im Blick. Regte sich wenigstens jetzt so etwas wie Reue, gestand er sich endlich ein, was er getan hatte? Aber da war er nicht anders als Dimitri: Wenn Tatsachen nicht zu widerlegen waren, dann schwiegen sie.

Meine Wut löste sich, so plötzlich wie sie gekommen war, wieder auf. Das war nicht gut, die Verzweiflung, die ihr immer folgte, war mehr als ich ertragen konnte. Ich war nicht der einzige Mörder auf der Welt, wieso kamen andere mit dieser Schuld klar? Was würde ich tun, wenn eines Tages seine Eltern bei mir auftauchten und mich nach ihrem Sohn fragen?

Ich hatte den Schmerz von Eltern zu oft mit ansehen müssen. Erst, wenn sie die Geiselnehmer anflehten, ihre Kinder am Leben zu lassen, dann ihre bangen Gesichter, wenn der Einsatz beendet war und schließlich unstillbares Leid, wenn sie ihre Geliebten nicht unter den Geretteten entdeckten. Es brach mir das Herz.

Auch für meine Kollegen war es nicht leicht, doch ich verdrückte mich nicht still in den Mannschaftswagen. Ich ging zu denen, die ihr Liebstes verloren, die vor Trauer keine Luft mehr zum Atmen hatten, denen das Unglück das Herz im Brustkorb zerdrückte. Dimitri passte es nicht, das spürte ich. Am liebsten hätte er es verboten, aber ihm war klar, dass ich Wege gefunden hätte, diesem Befehl nicht zu gehorchen.

Ich ließ niemanden allein, der vor Leid nicht mehr ein noch aus wusste. Meistens sprach ich kein Wort, drückte sanft die Finger einer Mutter, legte eine Hand auf die Schulter eines Vaters, manchmal nahm ich die Unglücklichen in den Arm und hielt sie fest, bis sie aufhörten zu schreien und um sich zu schlagen, bis ihnen nur noch Tränen über die Wangen rannen und sie ihre Stirn gegen meine Schulter pressten.

 

Mein Besucher scharrte ungeduldig mit den Füßen und riss mich aus meinen Gedanken. An meiner Schulter spürte ich noch den leichten Druck ihrer Köpfe und die Feuchtigkeit ungezählter Tränen.

„Das sollte ich immer noch tun“, sagte ich heiser. „Wer ist denn sonst für sie da? Aber das Schlimmste ist, dass ich jetzt einer von denen bin, die dieses Leid verursacht haben.“

Ich griff hinter mich und zog meine Pistole aus dem Hosenbund. Das Arschloch vor mir erkannte sie sofort wieder. Ja, damit hatte ich ihn erschossen, doch diesmal zielte ich auf mich, drückte die Mündung von schräg unten gegen meine Kehle, damit die Kugel die Halsschlagader zerfetzen konnte.

„Wie wäre das?“, fragte ich leise.

Er konnte nicht noch blasser werden, aber ich sah auch so, dass er Angst hatte, und dieses Mal nicht vor seinem eigenen Grauen, dem er nicht entkommen konnte, sondern vor mir. Hatte wohl keine Lust, mir auf der anderen Seite zu begegnen. Ich lachte bitter und drückte die Waffe noch fester gegen meinen Hals.

„Was willst du überhaupt von mir? Jetzt raus mit der Sprache, oder ich drücke ab und danach können wir ja mal sehen, mit welchen Methoden wir die Fragestunde weiterführen. Hat meine Schwester erzählt, wie ich Terroristen dazu gebracht habe, ihre Kontaktleute zu verraten?“ Meine Hand verkrampfte sich, ein Blitz aus Schmerz schoss durch meinen Körper. Ich ertrug es noch nicht, an sie zu denken.

„Deine Schwester?“, fragte mein Besucher verständnislos.

Ich ließ die Waffe sinken und sah ihn an. Nein, sie hatte ihm mit Sicherheit nicht gesagt, was ihr Bruder machte. Die Identitäten der Mitglieder des Spezialkommandos wurden geheim gehalten, und selbst die engsten Familienangehörigen wussten keine Einzelheiten.

„Woher soll ich deine Schwester ...“ Er verstummte. Hatte er allen Ernstes fragen wollen, woher soll ich deine Schwester kennen? Begriff er wirklich erst jetzt, was mich mit der Frau verband, die er auf dem Gewissen hatte?

„Alexandra Kalinin,“ sagte ich, „Meine Zwillingsschwester. Ist dir keine Ähnlichkeit aufgefallen? Siehst du dir denn deine Opfer nicht so genau an? Oder deine Mörder?“ Aber im Grunde änderte es nichts. Er hatte sie getötet, er hätte weiter gemordet, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, ohne es Mord zu nennen.

 

Die kleine Flamme des Gaskochers flackerte, als würde die windstille, kalte Herbstluft ihr nicht genug Sauerstoff zum Leben liefern und sie ersticken. Keine Zeit für Feuer, für Licht oder Wärme. Dennoch kämpfte die Flamme weiter. Unermüdlich, unerschrocken – tapfer. Wie ein Verdurstender sog ich den Trost auf, den sie gewährte und ließ mich, bis in die tiefsten Winkel meiner Seele erschöpft, zu Boden sinken, bette mein Haupt auf Kiefernnadeln, fühlte die kleinen Zweige und Tannenzapfen, die sich in meinen Rücken bohrten. Feuchtes Laub haftete sich an meine Haut, so als wolle es mir über den Nacken streichen, wie Alexandra es oft getan hatte. Über mir lösten sich die kahlen Baumwipfel im Nebel auf. Meine Schwester würde nicht wieder lebendig werden, ich würde für den Rest meines Lebens ein Mörder sein und möglicherweise genauso lange mit Halluzinationen reden.

Aus irgendeinem Grund verspürte ich in diesem Moment einen tiefen Frieden. Alles war für den Augenblick zum Stillstand gekommen. Mir war klar, dass dieser Zustand nicht lange anhalten würde, doch das spielte keine Rolle. Ich schloss die Augen.

„Ich weiß, warum du hier bist“, sagte ich leise und spürte die kleinen Wirbel, die der Atem an meinen Lippen bildete. „Aber ich kann nichts für dich tun. Ich habe dich erschossen, aber die Hölle, in der du steckst, hast du selbst erschaffen. Selbst wenn ich dir verzeihen würde, dass du meine Zwillingsschwester umgebracht hast, es würde ...“

„Ich habe niemanden umgebracht!“, unterbrach er mich. In seiner Stimme klangen Wut und Trotz mit. Es berührte mich nicht, hatte nichts mit mir zu tun.

„Es würde nichts ändern“, redete ich weiter. „Der Einzige, der dir helfen kann, der Einzige, der dir verzeihen kann …“

„Es ist die Hölle!“, schrie er. „Eine kalte Hölle, ohne Tag oder Nacht, ohne Wärme oder Trost.“

„Der Einzige, der dir verzeihen kann, bist du selbst. Aber dazu müsstest du dir eingestehen, was du getan hast. Seltsam, nicht wahr? Erinnerst du dich an unser letztes Gespräch? Hättest du da zugegeben, sie in den Selbstmord getrieben zu haben, hätte ich dich wahrscheinlich nicht erschossen.“

Von meinem Besucher kam keine Antwort. Ich brauchte die Augen nicht zu öffnen, um zu wissen, dass er nicht mehr da war. Es gab Wahrheiten, die wollte man auch als Toter nicht hören.

„Auch ich bin in der Hölle“, sagte ich leise und setzte mich wieder auf. Aus der Dose stieg der Duft von Bohnen auf. Sie rochen nach Heimat, nach Frieden. „Auch ich kann mir nicht verzeihen, doch im Gegensatz zu dir habe ich mir eingestanden, was ich getan habe.“ Ich nahm die Dose vom Feuer. Das Metall war warm, allerdings nicht zu heiß zum Anfassen. Ich ließ die Wärme einen Moment lang meine Hand durchströmen, bis ich mich nach meinem Rucksack streckte, ihn zu mir heranzog und aus der Seitentasche einen Löffel holte.

„Mir scheint, wir stecken beide in derselben Hölle fest“, sagte ich und zum ersten Mal seit meiner Tat war mir zum Lächeln zumute, „aber ich habe wenigstens Bohnen.“ Ende

Bildergalerie Bildergalerie

 

Illustrationen und Fotos von Alexej Kalinin

Trivia und Infos Bildergalerie

 

Wissenswertes

  • Warum Sie kein Mat sprechen sollten!
  • Originalschauplätze.
  • Was ist die SOBR?
  • Selbstjustiz im Film.
  • "Wussten Sie, dass …"
Folgt in Kürze
Fluchthelfer Qindie

 

Hilf Alexej

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Welche Romanfigur bist du? Clockwork Cologne

 

Der absolut ernste Persönlichkeitstest

Zettelst du in deiner Freizeit wilde Kneipenschlägereien an oder verzettelst du dich bei der Anzahl deiner Liebesabenteuer?

Legst du Wert auf gepflegte Konversation oder ungepflegte Konfrontation?

Haben wir uns nicht schon mal alle diese Fragen gestellt?

Hier erfährst du die Antwort und lernst gleichzeitig die spannendsten Helden aus dem Qindieversum kennen.

Qindie Qindie

 

Das Autorenkorrektiv

Qindie ist kein Verlag und kein Verein. Wir sind Autorinnen und Autoren, die ihre Bücher unabhängig produzieren und publizieren – sogenannte “Indie-AutorInnen”.

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