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Steampunk Serie

Tod dem Zaren

Band 1 der Serie

Hoffnung Tod dem Zaren

 

Das ungleiche Paar

Boris und Olga könnten nicht verschiedener sein und doch sind sie genau das, was der andere braucht. Olga schafft es den Panzer aus Zarentreue und Hoffnungslosigkeit zu durchbrechen, in dem sich Boris seit Jahrzehnten versteckt. Und Olga hat endlich ihren Beschützer und Helden gefunden. Obwohl sich die Frage stellt, wer hier wen beschützt.

Die Welt Tod dem Zaren

 

Kalt

Seit 44 Jahren tobt der Krim-Krieg. Schon lange ist ein Menschenleben nichts mehr wert und die Mächtigen investieren fieberhaft in geheime Projekte, um das Schicksal zu ihren Gunsten zu wenden. Das Britische Empire setzt alles daran eine Zeitmaschine zu entwickeln, während Russland an einem Blauen Krieger arbeitet, eine willenlose Kampfmaschine.

In Cöln kontrolliert die Dampfmagische Gesellschaft nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens, doch ihr Einfluss endet an den Zugängen zur Unterwelt. Der Stadt unter der Stadt. Hier verstecken sich die Quantenmagier, um weiter ihre verbotenen Experimente zu betreiben.

Klappentext Tod dem Zaren

 

Russland 1897

Boris Sergejewitsch ist Soldat, ein treuer Untertan des Zaren. Seit 44 Jahren kämpft er jede Schlacht für Nikolaus II., und es käme ihm nie in den Sinn, einen Befehl zu verweigern. Selbst dann nicht, als er einem geheimen Experiment zugeteilt wird, bei dem eine unbesiegbare Armee aus Blauen Kriegern erschaffen werden soll, Soldaten, die halb Mensch, halb Maschine sind.

Das Projekt entpuppt sich als totaler Fehlschlag. Boris verliert seinen rechten Arm, seine Gesundheit und einen Teil seiner Menschlichkeit. Man schickt ihn zurück zu seiner Einheit.

Eines Tages kann Boris seiner Kompanie nicht mehr folgen und wird zurückgelassen. Die quantenmagische Energiequelle, die den mechanischen Teil seines Körpers antreibt, erweckt das Interesse von Olga, einer 12-jährigen Diebin. Zur Bewegungsunfähigkeit verdammt muss er mit ansehen, wie Olga versucht, ihn auseinanderzubauen. Der zu Tode erschöpfte und desillusionierte Boris hätte vielleicht noch akzeptieren können, auf diese Art zu sterben, nicht jedoch, dass die wertvolle Energiequelle ausgerechnet in die Hände von verräterischen Aufständischen fällt, denn Olga macht aus ihrer Gesinnung keinen Hehl. Aber „Tod dem Zaren!“ ist eine Parole, die man niemals in Boris’ Gegenwart aussprechen sollte.

Mit anderen Worten: Ihre erste Begegnung stand unter keinem guten Stern. Ebenso wenig die zweite …

In diese aufgeladene Szenerie platzt jetzt noch ein heruntergekommener Flüchtling, der Zar Nikolaus II zum Verwechseln ähnlich sieht. Nun geht das Abenteuer, das den zarentreuen Boris und die Revolutionärin Olga zu einem bizarren Team zusammenschweißt, erst richtig los.

 

Die Hauptfiguren Tod dem Zaren

 

Boris

Boris ist ein alternder Soldat, der keine Erinnerungen an eine Zeit vor dem seit 44 Jahren andauernden Krimkrieg besitzt. Im Alter von 6 Jahren zog er zum ersten Mal eine Uniform an und legte sie nie wieder ab. Kämpfen, Gehorchen und Hungern sind die einzigen Daseinszustände, die er kennt. Für ihn sind sie so natürlich wie der frühe Tod in der Schlacht … oder fast so natürlich. Denn Boris überlebt, während kaum einer seiner Kameraden das dritte Dienstjahr erreicht. So viel Glück macht unbeliebt.

Als er 48 Jahre alt ist, wählt man ihn zusammen mit hundert anderen aus, um einem Experiment als Testobjekt zur Verfügung zu stehen. Heimlich ins Land geschleuste Quantenmagier haben den Auftrag, eine unbesiegbare Armee aus Blauen Kriegern zu erschaffen – Soldaten, die halb Mensch und halb Maschine sind. Der Großteil der Versuchspersonen stirbt an den Folgen der Operationen, in denen ein Teil der Knochen durch Metallkonstruktionen ausgetauscht werden; der Rest, nachdem ihr Nervensystem mit der rätselhaften blauen Kartusche verbunden wird, die die Mechanik mit Energie versorgen soll. Doch auch diesmal überlebt Boris – als einziger.

Von dem Erfolg beflügelt, amputieren die Quantenmagier seinen rechten Arm und tauschen ihn durch einen künstlichen aus. An dem Tag, an dem das Ergebnis der Heeresführung präsentiert werden soll, offenbart sich durch Zufall der gravierende Fehler der Konstruktion: In der Strenge der russischen Winter friert das Metall fest und verdammt den Blauen Krieger zur Bewegungslosigkeit. Man gibt das Projekt auf und schickt Boris zurück zu seiner Kompanie. Boris mag die Veränderungen nicht, die man an ihm vorgenommen hat, aber er käme nie auf die Idee, sich zu beklagen. Er war nie etwas anderes als Soldat, seine Existenz gehört dem Zaren, und Boris ist der Treueste seiner Untertanen.

Müsste er das Dasein in einem Satz zusammenfassen, würde dieser lauten: „Lang lebe der Zar!“

Tod dem Zaren

 

Olga

Olga kommt als Tochter rechtloser Leibeigener auf die Welt und Hungern gehört genauso zum Alltag, wie brutale Übergriffe durch die Armee. Aufgrund dieser Erfahrungen gelangt sie zu der Erkenntnis, der Diebesstand sei der einzig ehrbare Beruf, denn Diebe nehmen nur das, was sie zum Leben brauchen und bringen dabei niemanden um. In ihrem Dorf teilt man diese Ansicht nicht, und da auch ihre rebellischen Ideen auf keine Gegenliebe stoßen, jagt man sie fort.

Für kurze Zeit findet sie Unterschlupf bei einer jener kleinen, revolutionären Zellen, die sich überall im kriegsgebeutelten Land bilden. Diese fordern Rechte für Arbeiter und Bauern, die Abschaffung der Leibeigenschaft und sogar etwas, was sie „Wahlen“ nennen.

Auch, wenn Olga nicht alles von dem begreift, wofür sich ihre neuen Freunde einsetzen, so begeistert sie sich schnell für deren Ziele. Leider geht das nicht lange gut. Eines Tages sieht sie mit an, wie ihre Freunde von Soldaten umgebracht werden. Erneut heimatlos schlägt sie sich wieder als Diebin durchs Leben. Geblieben ist ihr nur der Kampfruf, der die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ausdrückt: „Tod dem Zaren!“

Leseprobe Tod dem Zaren

1. Kapitel - Der Blaue Krieger

Boris
Boris Sergejewitsch hatte den Fehler begangen, nicht beizeiten auf dem Schlachtfeld zu bleiben, wie es sich für einen anständigen Soldaten gehörte. Scharmützel und Grabenkämpfe zu überleben, galt nur in den ersten Jahren als Tugend, danach wurde man den Kameraden, suspekt. Die meisten Soldaten durften kaum hoffen, ihr fünftes Dienstjahr zu erleben, und die Glückskinder unter ihnen erlitten rechtzeitig eine schwere Verwundung und schieden ehrenhaft aus, um ein Dasein als verarmter Krüppel zu fristen.
Boris’ unfreiwilliger Armee-Eintritt lag 44 Jahre zurück und fiel zufälligerweise auf jenen Oktobertag im Jahr 1853, als der Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich seinen Anfang genommen hat. Von da an tat er treu und klaglos seinen Dienst, was im Augenblick bedeutete, mit seiner Kompanie einen Hügel hinaufzurennen, in irgendeiner verlassenen Einöde am Fuße des Ural, auf der kopflosen Flucht vor einer erdrückenden Übermacht.
Über den meterhohen Schnee strich ein eisiger Wind und ein Kamerad nach dem anderen überholte Boris. Die wenigsten drehten sich nach ihm um, und die, die trotz ihrer Panik, die Muße dazu fanden, taten dies mit einem gehässigen Blick, der zu sagen schien: Endlich erwischt es dich, du Glße dazu fand
»Glmit dem Sch«, knurrte Boris verbissen, ohne sich dessen bewusst zu sein. So nannten sie ihn, weil er überlebte, während sie früher oder später draufgingen, es hieß, er würde seinen Kameraden das Glück aussaugen. Seit einem Jahr bezeichneten sie ihn auch als Blauen Dte B, wegen dem unnatürlichen Leuchten, welches Tag und Nacht von der Energiekartusche in seinem künstlichen Arm ausstrahlte. Die richtige Bezeichnung wäre Blauer Krieger gewesen, doch niemand in seiner Einheit wusste das, nicht einmal die Offiziere und wahrscheinlich auch deren Vorgesetzte nicht, die im sicheren Petersburg saßen. Es hätte eine unbesiegbare Armee werden sollen, doch Boris war der einzige Blaue Krieger, der gebaut worden war. Die anderen hatten den Umbau nicht überlebt.
Ein Fallwind fegte Eiskristalle von den Bergspitzen. Mit Sorge beobachtete Boris, wie sie sich an seinen künstlichen Arm hefteten, erst schmolzen, gleich darauf wieder gefroren, und die Zahnräder mit einer Eisschicht überzogen. Das Eis stellte nicht sein eigentliches Problem dar, das hätte er mühelos zerbrechen können, doch das Öl, um die Kolben, Achsen und Gelenke zu schmieren, begann sich in eine klumpige kristalline Masse zu verwandeln. Es wurde für ihn immer schwieriger sich zu bewegen. Sein künstlicher Arm war fast vollständig erstarrt. Die technischen Veränderungen am Rest seines Körpers konnten vorerst noch eine Zeit lang von der Körperwärme profitieren. Boris musste zusehen, wie seine Kameraden an ihm vorbeizogen, doch immerhin konnte er noch laufen, weiterhin einen Fuß vor den anderen setzen.
Vor ihm schlug ein Blitz in eine Kiefer ein, ließ einen verkohlten Stamm zurück. Die Osmanen feuerten ihre Tesla-Artillerie ab, während ihre Infanterie immer weiter aufholte. Unter anderen Umständen hätte der Kommandant jemanden dazu verdonnert, neben Boris‘ erstarrendem Körper ein Feuer zu entfachen, das Öl zu erwärmen, um seinen verhassten und verlachten Untergebenen einsatzbereit zu erhalten. Niemand mochte den Glücksfresser, den Blauen Dämon, doch sie erkannten den Vorteil, eine lebende Kampfmaschine in den eigenen Reihen zu haben. Am heutigen Tag konnte Boris nicht mit dieser Hilfestellung rechnen. Sein Offizier war der Erste gewesen, der sich abgesetzt hatte, seine Soldaten ohne Befehl und ahnungslos zurücklassend. Sie wären alle längst tot, wenn sie nicht durch Boris gewarnt gewesen wären. Seit dem Umbau zum Blauen Krieger hatte sich sein Gehör verändert, er vernahm die leisesten Geräusche, die außerhalb des Wahrnehmungsbereiches seiner Kameraden lagen. Boris hatte schweres Kriegsgerät gehört.
Die Worte verstand er nicht, doch die Sprache erkannte er: Osmanen. Und nicht nur eine Kompanie, sondern es klang nach einer ganzen Streitmacht. Ein Heer gegen die erbärmlichste Kompanie des Zarenreiches. In Boris‘ Einheit landete man nur, wenn man einen in keinem anderen Trupp haben wollte. Gegen ein Heer konnte auch ein Blauer Krieger nichts ausrichten. Boris kümmerte sich nicht um Leben oder Tod, es war ihm egal, ob er starb, nur eines war von Bedeutung: die Treue zum Zaren. Ohne sie hätte er vielleicht auf die Osmanen gewartet, um in diesem aussichtslosen Kampf so viele wie möglich mit in den Tod zu nehmen. Doch er hörte eine Stimme in seinem Kopf.
Boris war daran gewöhnt, Stimmen zu hören, sie begleiteten ihn seine ganze Dienstzeit und er wusste, sie waren nicht real. Die Stimme, die er in diesem Augenblick hörte, meldete sich nur selten und sie erinnerte ihn an seine Pflicht. Du bist Russlands grit und er wusste, sie waren nicht real. Die Stimme, die er nde fallen. Aus diesem Grund stand er auf und setzte sich in Bewegung. Es bestand die Chance, den Osmanen zu entkommen, warum auch immer sie hier sein mochten, dieser erbärmliche Trupp aus Versagern konnte nicht ihr Ziel sein, wahrscheinlich kreuzten sie nur zufällig ihren Weg.
»He, Idiot! Wo willst du denn hin? Willst du desertieren? Versuch’s und wir schneiden dir die Eier ab. Mal sehen ob du das auch überlebst.«
Boris redete selten. Es gab nichts, was er zu sagen hatte und Befehle nahm er schweigend entgegen, reagierte bestenfalls mit einem knappen Nicken, so kam ihm seine eigene Stimme beinahe fremd vor, als er antwortete.
»Die Osmanen. Drei Kilometer östlich von hier. Mindestens zehntausend Mann. Sie kommen näher.“
Sie glaubten ihm nicht, machten keine Anstalten ihm zu folgen, weder um ihr Leben zu retten, noch um ihm die angedrohte Verstümmlung angedeihen zu lassen. Stattdessen gingen sie einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nach: Ihn zu verspotten, wobei es ihnen egal war, ob er sich in Hörweite befand oder nicht. Boris ignorierte sie, ging seine Möglichkeiten durch. Wenn er es höher ins Gebirge schaffte, könnte er der Gefangennahme entgehen. Allerdings würde die Kälte dort oben, das Öl verklumpen lassen. Seine Energiekartusche vibrierte und er spürte es im ganzen Körper, doch sie strahlte keinerlei Wärme ab.
Das Zeug prickelt, wenn man ihm nahekommt, wusstest du das?, sagte eine Frauenstimme in seinem Kopf. Boris knirschte mit den Zähnen. Diese Stimme hasste er besonders. Sie stammte direkt aus der Hölle und manchmal übermannte ihn das Gefühl, sein Herz würde vor Entsetzen den Dienst verweigern und aufhören zu schlagen, sobald diese Stimme sich in sein Bewusstsein bohrte. Boris strauchelte, wollte Geh weg! schreien, doch es fehlte ihm der Atem dazu, seine Kehle war wie zugeschnürt. Es kam ihm vor, als wäre er an Händen und Füßen gefesselt.
Diese Stimme vermochte dasselbe wie die Kälte, sie konnte ihn zur Bewegungsunfähigkeit verdammen und ihn hilflos dem Grauen ausliefern.
Der nahe Einschlag einer Granate hatte ihn vorläufig gerettet, ebenso seine Kameraden, die daraufhin ebenfalls die Flucht ergriffen hatten und ihm nachgeeilt waren. Mittlerweile hatten ihn fast alle überholt, nur zwei waren noch hinter ihm. Sie mühten sich mit einer großen Bretterkiste ab, die sie auf einem Schlitten hinter sich herzogen. Die Einschläge der Tesla-Artillerie wurden häufiger und kamen näher. Boris verstand nicht, warum sich die Osmanen mit seiner kleinen Einheit abgaben, Munition für sie verschwendeten. Wenigstens hatten ihre Angriffe etwas Gutes: Die Explosionen verbreiteten genug Hitze, um das Öl wieder geschmeidiger zu machen. Er schaffte es, den Riemen seines Gewehrs über den Kopf zu heben und die Halterung der Energiekammer zu entriegeln. Als Feuerwaffe war das Gewehr sowieso fast nutzlos in seinen mechanischen Händen. Ein quantenmagisches Monstrum zu sein, hatte seine Zielgenauigkeit nicht verbessert und die Konstrukteure der Blauen Krieger hatten nicht bedacht, dass auch metallische Finger durch den Abzugsbügel passen mussten. Boris löste die Energiekammer aus ihrer Halterung und warf den Rest der nutzlosen Waffe weg. Er ballte seine linke Faust um den schwach rot glühenden Zylinder. Etwas Wärme ging von ihm aus, im Grunde ein schlechtes Zeichen, es bedeutete, dass die Energiekammer defekt war und im entscheidenden Moment entweder nicht genügend Druck für den Schuss aufbauen würde oder gleich ganz ausfiel. Wenn sie nicht ohne Vorwarnung explodierte und ihren Träger in kleine Stückchen zerfetzte. Doch genau darauf hoffte Boris. Bevor die Osmanen ihn gefangen nähmen, würde er den Zylinder zerbrechen und im Dienste seines Zaren sein lang ersehntes Ende finden. Er hoffte nur, die Detonation würde stark genug sein, um auch den quantenmagischen Teil seines Körpers zu vernichten. Boris drückte die Energiekammer gegen seinen Bauch, um ihre Wärme so lange wie möglich zu erhalten. Wenn die Kälte ihn zum Stillstand gezwungen haben würde, das Öl in eine körnige Masse aus kleinen, scharfkantigen Kristallen verwandelt hätte, wäre seine linke Hand das letzte, was er noch würde bewegen können.
Während er dem tröstlichen Gedanken nachhing, wenigstens sein Ende selbst bestimmen zu können, eilten die letzten beiden Soldaten aus seiner Einheit an ihm vorbei. Die beiden Männer hatten sich der Kiste entledigt. Sie sauste auf dem Schlitten hangabwärts, bis ein Hindernis ihre Fahrt stoppte. Die Kiste flog im hohen Bogen durch die Luft, prallte gegen einen Baum und versank im Schnee. Der Gefangene, der in ihr transportiert wurde, war bewusstlos oder tot, jedenfalls gab er keinen Laut von sich.
»Sieh nur, Yegor!«, rief der eine Soldat aus, verlangsamte sein Tempo und sah sich nach Boris um, der kaum noch die Beine heben konnte, »Wen haben wir denn da, den Glücksfresser
Er war der Kamerad, der als Strafe für Fahnenflucht Kastration vorgeschlagen hatte. Wenn Boris sich bemühen würde, könnte er sich vielleicht an seinen Namen erinnern. Doch wozu? Er hatte so viele Soldaten kommen und krepieren sehen, dass es nicht der Mühe wert war, sich mit Namen zu beschäftigen.
»Lass das«, warnte der andere ihn, »es bringt Unglück, mit dem Glass das«, w zu reden. Gleich saugt er dich aus.«
Boris konnte sich nicht erinnern, bei welcher Gelegenheit er zum ersten Mal Glris konnter genannt worden war, aber es musste kurz nach dem großen Unfall gewesen sein, dem Super-GAU, der die britischen Inseln verwüstete, unbewohnbar machte und das Empire zwang, in ihre Kolonien in Übersee umzusiedeln. Damals war viel von Strahlung geredet worden. Kaum einer der einfachen Soldaten konnte mit dem Begriff etwas anfangen, erst nach und nach erfuhren sie, das Strahlung krank machte und sie redeten davon, dass Strahlung einem die Lebensenergie aussaugte. So war es naheliegend, dass sie sich Boris‘ Fähigkeit, jede Schlacht zu überleben, ähnlich erklärten: Er saugte seinen Kameraden das Glück aus, um es sich selbst einzuverleiben. Schließlich war Glück ein seltenes Gut, es stand nicht unbegrenzt zur Verfügung und wenn jemand es im Übermaß genoss, bereicherte er sich am Glück anderer.
»Ach was«, sagte der erste, »Unser Idiot ist eindeutig am Ende. Weißt du, was ich denke? Sein Glück wird gleich einen neuen Besitzer brauchen. Komm her Fortuna, mein Schätzchen, ich weiß, du bist eine Hure, aber bei mir wirst du es gut haben.«
Boris tat, was er immer tat, er ignorierte sie, versuchte lieber mit aller Kraft doch noch einen Schritt zu machen. Vor Anstrengung knirschte er mit den Zähnen. Der Verfechter der Kastration deutete die gefletschten Zähne falsch und wurde für einen Moment schreckensbleich. Sollte der alte Dämon doch noch einmal davon kommen? Verunsichert warf der junge Kerl einen Blick zu seinem Freund.
Yegor, erinnerte sich Boris. Yegor war noch nicht lange in ihrer Einheit, Die Kameraden munkelten, Yegor verdanke seine Versetzung dem Umstand, dass der Offizier, dem er unterstellt gewesen war, einen anderen gefunden hatte, der ihm nachts die Laken anwärmte. Binnen kürzester Zeit hatte Yegor sich einen guten Platz in der Hackordnung erkämpft, indem er sich darauf spezialisiert hatte, Boris nachzuäffen.
»Los, gib’s ihm!«, feuerte Yegor seinen Kameraden an, »Der ist fertig, hat zum letzten Mal seine Kameraden ausgesaugt.«
Derart ermutigt, ging dieser auf Boris los. Anstatt zu schießen, stürmte er mit aufgesetztem Bajonett auf Boris zu. Vielleicht vertraute er nicht darauf, dass eine Kugel ihn töten konnte oder er war überzeugt, einzig Aufspießen oder das Entfernen der Genitalien, würde Boris‘ Glück auf ihn übergehen lassen, auf jeden Fall entschied er sich dagegen, Boris über den Haufen zu schießen. So oder so, Boris stellte ein Ziel dar, das man unmöglich verfehlen konnte und der Kerl grinste gehässig.
Wahrscheinlich grinste er noch, als sein Kopf, den die Detonation vom Rumpf getrennt hatte, durch die eiskalte Winterluft flog. Die Energiekammer seines Gewehrs war explodiert. Kein ungewöhnliches Ereignis. Die Waffen der russischen Armee waren veraltet und schlecht gewartet. Yegor starrte Boris einen Moment lang an, dann machte er auf dem Absatz kehrt und rannte, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her.
Die Explosion hatte Boris zu Boden gerissen. Im Gesicht trug er Verbrennungen davon, spürte eine dumpfe Ahnung von Schmerz, den er, seit er ein Blauer Krieger war, nicht mehr wirklich fühlen konnte. Alle Empfindungen hatten sich seit dem Jahr in der Hölle gewandelt, waren von lebendigen Eindrücken zu reiner Übermittlung von Information geworden. Verletzungen – potenziell schmerzhaft, nicht schwerwiegend, lautete die Information. Lediglich sein Gehör und sein Sehvermögen waren für den Moment beeinträchtigt, dafür hatte die Hitze der Explosion das Öl wieder verflüssigt. Blind und nahezu taub rappelte er sich hoch. Er hatte seine Pflicht zu erfüllen: Die geheime Technik seines Körpers musste dem Zugriff des Feinds entzogen werden.

Der Gehörsinn kehrte als erstes zurück. Leise und dumpf vernahm Boris Gewehrschüsse. Allerdings konnte er weder bestimmen, aus welcher Richtung sie kamen, noch ihre Entfernung einschätzen. Im Grunde könnte die Schlacht ihn schon fast eingeholt haben und, wenn es sich so verhielt, sollte er keine Zeit mehr verlieren. Er schloss seine Hand fest um die Energiekammer, holte ein letztes Mal tief Luft. Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob dies der Augenblick war, einen letzten Wunsch zu äußern oder in Gedanken kurz bei einer glücklichen Erinnerung zu verweilen, doch da war nichts. Boris horchte in sich hinein und fand nur eine grenzenlose Leere. Nun, auch egal. Boris zerdrückte die Energiekammer.
Nichts geschah. Nur ein paar Glassplitter bohrten sich in die Schwielen seiner Hand und kurz durchzuckte ihn ein Stromstoß. Dafür wurden die Kampfgeräusche lauter. Boris konnte hier nicht bleiben. Er musste höher ins Gebirge, um entweder ein Versteck zu finden, oder eine Felsspalte, in die er sich stürzen könnte.

Erst als die Kälte die letzte Wärme aus dem Metall vertrieben hatte, das Öl zu kristallinen Klumpen geronnen war und jede Bewegung unmöglich machte, nahmen die Blitze vor seinen Augen ab und er sah wieder seine Umgebung. Er stand auf einem Berghang zwischen kahlen Birken, im Westen eine Felswand, die vielleicht mit vor Wind und Feinden schützenden Höhlen aufwarten konnte und – die Boris nie erreichen würde. Keines seiner künstlichen Gelenke, weder die im mechanischen rechten Arm noch die seines Außenskeletts, bewegte mehr. An metallischen Streben entlang kroch die Kälte in seinen Körper, ließ Muskeln erst zittern und dann empfindungslos werden. Boris hatte versagt. Er würde erfrieren und jeder dahergelaufene Dieb könnte sich an der geheimen Technik bedienen, sie den Osmanen verkaufen oder den Verrätern im eigenen Land überlassen, die danach trachteten, den Zaren vom Thron zu stürzen. Boris hatte seine Pflicht nicht erfüllt, hatte seinen Zaren verraten. Ihm blieb nur, darauf zu hoffen, dass ihn der Tod bald von dieser schrecklichen Erkenntnis erlösen würde.
Der Wind ließ nach. Große Schneeflocken rieselten aus dem trüben Himmel, füllten die Schneise auf, die Boris durch den Schnee gepflügt hatte, legten sich auf seine Schultern, sein Haar, blieben in seinem kurzen, ergrauenden Bart und an den Wimpern hängen. Die ersten schmolzen noch, doch die nachfolgenden blieben liegen, als wäre ihr Ziel, ein weißes Leichentuch über ihn auszubreiten. Vielleicht war es ein Zeichen, stellte Boris fest und empfand seltsamerweise Erleichterung. Jetzt würde alles ein Ende finden und er hatte mehr als jeder andere geopfert, um seinem Zaren treu zu dienen.
Pst, machte eine Stimme in seinem Kopf, es ist ein Geschenk.
Seufzend schloss Boris die Augen, war bereit zu sterben.

 

 

Ausschnitt aus der Lesung im SecondLife. Danke an Kueperpunk kueperpunk2012.blogspot.de und Bastian Barbosa für das umwerfende Bühnenbild.